Kreuzberger Chronik
Juni 2023 - Ausgabe 250

Herr D.

Der Herr D. und das Körbchen


linie

von Hans W. Korfmann

1pixgif
Der Herr D. trat vor die Haustür. Der Nachbar mit den Jesus-latschen saß vor Connis Cafe. Seit die Sonne schien, saß er jeden Tag dort. Als er den Herrn D. sah, deutete der Nachbar auf einen schwarzen Porsche SUV, der vor seinem Tisch geparkt hatte.

»So eine frisch zugezogene Neureiche, die sich beschwert, wenn man um fünf nach zehn drei Stockwerke unter ihr einen Furz lässt. Schon wie die aus dem Auto ausgestiegen ist! Solche Leute hätten wir früher in Kreuzberg gar nicht reingelassen! Wahrscheinlich FDP!«

»Die modernen Spießer wählen doch grün, Herr Nachbar. Und vom Auto gleich auf die politische Gesinnung zu schließen, das ist doch eigentlich unter Ihrem Niveau.« Der Nachbar lächelte.

Wenig später stand der Herr D. bei Rossmann und freute sich über die Kreuzberger Mischung: Eine Araberin, eine Mutti mit Schulkind, die Nachbarin, die bei Mercedes arbeitete, ein Penner mit Plastiktüte und der Gitarrist aus dem Yorckschlösschen. Und eine Frau vor ihm, die eine riesige Flasche eines prominenten Waschmittels auf das Band stellte. Das gab es gerade im Sonderangebot.

Der Herr D. steckte das rote Körbchen mit seinen fünf Sachen auf das Türmchen vor dem Fließband und wartete, als er hinter sich eine Stimme hörte: »Ist das ihr Körbchen?«

»Ja!«, antwortete der Herr D.

»Könnten Sie das wegnehmen? Ich möchte meines dahin stellen!«

Der Herr D. sah sich seinen Gesprächspartner genauer an. Alles an dieser Frau war teuer, und alles sah aus wie neu: Die Wildlederschuhe, die über den Schuh gerollten Schafwollsocken, die Jeans, die wie maßgeschneidert saß, der Mantel und das Stirnband aus Kaschmir. Dazu das Lächeln, mit dem sie den überraschten Herrn D. anblickte.

»Sie sind doch hinter mir.«, sagte der Herr D, aber sie hob unmissverständlich ihr Körbchen mit den Biowindeln und der Biobabycreme auf die Höhe des Körbchenstapels vor der Kasse.

»Nein, ich bin vor Ihnen!«, sagte sie. Und lächelte.

Es waren nur wenige Worte, aber der Herr D. konnte sich genau vorstellen, wie diese Frau in der oberen Etage eines gläsernen Konzerns ihre untergebenen Mitarbeiter zurechtwies. Und wie sie nach Feierabend zufrieden lächelnd in ihren schwarzen SUV stieg, um ihre blonden Babys in Biowindeln zu packen.

Da erkannte der Herr D. das Waschmittel vor ihm auf dem Band. Sie war es, die das verlockende Schnäppchen ergattert hatte und die schwere Beute aufs Band gestellt hatte, um hinter dem Rücken des Herrn D. zurückzulaufen und ihr Windelkörbchen einzusortieren.

»Solche Leute hätte man früher in Kreuzberg gar nicht reingelassen!«, murmelte der Herr D., als sie draußen war. Die Verkäuferin nickte.


zurück zum Inhalt
© Außenseiter-Verlag 2024, Berlin-Kreuzberg