Kreuzberger Chronik
Dez. 2022/ 2023 - Ausgabe 245

Herr D.

Der Herr D. wird alt


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von Hans W. Korfmann

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Wider allen Fortschritt

Der Herr D. war nicht erst Radfahrer, seit er in Kreuzberg wohnte. Schon in Bonn, kaum fünf Jahre alt, legte er keinen Meter ohne Rad zurück. Auch später, als seine Freunde längst Auto fuhren, hielt er dem Rad die Treue. Obwohl es damals zur Gewohnheit der Autofahrer gehörte, Radfahrer von der Straße zu hupen oder mittels Durchpflügen von Regenpfützen nasszuspritzen. Fahrradfahrer waren eine bemitleidenswerte Minderheit.

Das war nun anders. Dennoch stieg er seltener aufs Rad. Es machte ihm keinen Spaß mehr, in einem Pulk gestresster und behelmter Mitmenschen eingeklemmt zu sein. Zudem lagen ständig Radfahrer auf der Strecke, die miteinander kollidiert oder an den Blumenkästen am Streckenrand der Bergmannstraße hängengeblieben waren. Als der Herr D. nach der Lektüre von Hermann Hesses Steppenwolf nicht ins Auto stieg, war das Rad ein Gegenentwurf zur automobilisierten Gesellschaft gewesen. Es war die meditative Alternative einiger weniger Andersdenkender, die dem Stress der Berufstätigen auswichen, die morgens verschlafen zur Arbeit rasten und abends mit von Bluthochdruck gerötetem Gesicht im Stau steckten. Es war der Versuch, nicht unter die Räder zu kommen. Es war die Entdeckung der Langsamkeit.

Inzwischen aber gehörte das Radfahren zum Mainstream. Räder waren teurer als Kleinwagen und die Radfahrer des 21. Jahrhunderts waren gestresster als die Autofahrer des 20. Das freundliche Klingeln der Postboten, das gemütliche Dingdong der Zweitonklingeln an alten Hollandrädern gehörten der Vergangenheit an, das aggressive Klingeln der Radfahrer stand dem empörten Hupen einstiger Autofahrer um nichts nach.

Als der Herr D. das Radfahren lieben lernte, waren Radwege noch schmale, oft ungepflasterte und von der Natur mit Wurzeln, Pfützen und Steinen zu einem sportlichen Parkour gestaltete Fahrspuren gewesen. Neuerdings wurden sie dank eines nicht nur namentlich an den Allgemeinen Deutschen Automobilclub ADAC erinnernden ADFC und anderer Lobbyisten von den Lokalpolitikern in mehrspurige und überdimensionierte Schnellstraßen mit Überholspuren verwandelt, ausgestattet mit Ampeln, Zebrastreifen und Verbotsschildern, die dennoch jeden Fußgänger das Fürchten lehrten.

Und nicht nur die Fußgänger fühlten sich von den Radrasern bedroht. »Lern endlich mal Fahrradfahren!«, rief dem Herrn ein Verfolger zu und zeigte ihm einen gestreckten Mittelfinger, weil er sich wegen eines Kindes am Streckenrand erlaubt hatte, einen gewissen Sicherheitsabstand zu lassen. Dabei konnte der Herr D., wenn er wollte, noch immer freihändig von Kreuzberg bis nach Pankow fahren. Aber auch das hätte die neue Radfahrergeneration nicht toleriert.


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