Kreuzberger Chronik
April 2022 - Ausgabe 238

Herr D.

Der Herr D. und der Pfannkuchen


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von Hans W. Korfmann

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Der Herr D. hatte Heißunger. Doch seit Vegetarier und Veganer die Stadt erobert hatten, fühlte sich der Herr D. bei jedem Stück Fleisch, das er verspeiste, beobachtet. Das führte dazu, dass er immer seltener Lust auf Currywurst verspürte. Und als er kürzlich einmal wieder bei Petri’s Berliner Spezialitäten am Tresen stand, um sich eine Curry zu holen, da sah ihn die Frau mit dem Kind an der Hand so feindselig an, dass er sich entschied, lieber auf die Wurst zu verzichten. Als er an die Reihe kam, sagte er: »Einen Crepe bitte!« – »Bei uns hier heißt das Pfannkuchen, junger Mann. Können Sie sich das merken? Apfelmus oder Zimt?«

Die Wurstverkäuferin machte mit ihren Worten unmissverständlich klar, dass ihr die Touristen allmählich auf die Nerven gingen. Der Herr D. wollte sich verteidigen und sagen, dass er seit 20 Jahren Berliner sei und wisse, was ein Pfannkuchen ist, da fing das Kind an der Hand der Mutter an zu jammern: »Ich will auch so einen Pfannkuchen haben. Mit Nutella…« – »Du hast heute schon genug Zucker gehabt!«, sagte die Mutter und warf dem Herrn D. einen strafenden Blick zu.

Nicht ohne Sehnsucht erinnerte sich der Herr D. an die guten alten Zeiten mit Marion, die früher hier hinter dem Tresen gestanden hatte. Auch sie roch nach zwanzig Jahren Fett und Currywurst, die Hände hatten ein Leben lang Geschirr gespült, aber die Fingernägel waren immer akkurat lackiert, die Augen dezent geschminkt und die dunklen Haare zum mädchenhaften Zopf gebunden. Sie konnte berlinern, dass die Münchner das Fürchten bekamen, und sie hatte alle Schultheiss-Trinker auf ihrer Seite. Dennoch sah auch sie an manchen Morgen so aus, als könne sie den Anblick dieser Rouladen zersäbelnden, Würste verschlingenden und Pommes mit Bergen von Ketchup in sich hineinstopfenden Kundschaft nur noch wenige Tage ertragen. Aber sie hatte immer wieder ein Lächeln übrig für ihre Kundschaft.

Eines Tages im April erkundigte sich Marion, die den Herrn D. schon lange wie einen alten Kreuzberger behandelte, ob er über Ostern verreisen würde. »Ja, wir fahren nach Weimar!«, sagte der Herr D. Ach, sagte Petra, da war der Herr Goethe ja auch. Kennen Sie diese Anekdote, wo er mit der Frau von Stein zum Essen sitzt?«

Der Herr D., der nicht damit gerechnet hatte, dass ihm einst eine Wurstverkäuferin am Imbiss noch etwas über Goethe erzählen würde, musste lächeln. »Nee, kenn´ Se nich?«, fuhr Marion, ohne lange auf die Antwort des Herrn D. zu warten, fort: »Also, die beiden sitzen am Tisch und da sagt Goethe: Kannst Du mir mal die Suppe rüberreichen. Daraufhin die Frau von Stein: Einem Mann, der nicht in Reimen spricht, dem reich ich meine Suppe nicht. Woraufhin Goethe - auch nicht dumm - konterte: Dürft´ ich die Frau mit den schönen Titten / vielleicht höflichst um die Suppe bitten!«


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