Kreuzberger Chronik
Oktober 2021 - Ausgabe 233

Herr D.

Der Herr D. und die Rothaarige


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von Hans W. Korfmann

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Der Herr D. wollte zum Zahnarzt, einen Termin vereinbaren. Kaum hatte er die Hofeinfahrt betreten, sprang ihm eine junge Frau entgegen und lächelte ihn an. Etwa so wie diese immer gut gelaunten jungen Leute, die auf den Straßen die Passanten bestürmen, um Spenden für Amnesty oder die Rettung des Regenwaldes zu sammeln. Dieses Mädchen aber lachte ihn an und fragte, ob er vielleicht kurz helfen könne, etwas aus dem Auto zu laden.

Da der Herr D. ein freundlicher Mensch war, folgte er der vor ihm her tänzelnden Frau zu dem kleinen Lkw. »Nur den kleinen Schrank da, die anderen Kartons kann ich auch mit meiner Freundin hochtragen.« Als der Herr D. den kleinen Schrank sah, musste er an seine Bandscheibe denken, doch die Eitelkeit war größer als die Vernunft. »Ganz so klein ist der kleine Schrank aber nicht, zumindest nicht für Menschen in meinem Alter!«, bemerkte der Herr D. und fühlte sich etwa so überrumpelt, als wolle man ihm eine Spende für Amnesty entlocken. Aber die junge Frau schüttelte ihre rote Haarpracht und lachte ihn an: »Für Frauen in meinem zarten Alter auch nicht!«

Also packte er an, trug den Schrank quer über den Hof zum engen Treppenhaus. Es erforderte viel Geschick und einige Verrenkungen, um das Erbstück der Großmutter – »Alles noch massives Holz!« - durch die engen Kurven zu balancieren. Schon nach dem ersten Stock war nicht nur der Herr D. in seinem Jackett am Schwitzen, sondern auch die rothaarige Hilfskraft im T-Shirt. »Keine Angst, wir müssen nur bis in den Dritten, das schaffen wir.

«Eigentlich mochte der Herr D. die Unbeschwertheit junger Leute. In den Siebzigerjahren, als das Wort Solidarität noch einen anderen Klang hatte als heute und nicht von biederen Politikern, die die veraltete Vokabel vierzig Jahre lang gemieden hatten wie der Teufel das Weihwasser, missbraucht wurde, um das Volk zum Impfen zu bewegen, war es selbstverständlich, dass man Tramper am Straßenrand mitnahm oder bei Umzügen mithalf. Der Herr D. war davon überzeugt, dass das der richtige Weg war, und als sie endlich oben angelangt waren und sich die junge Frau mit einem kleinen Knicks bei ihm bedankte, lächelte er und dachte, die Welt sei doch noch in Ordnung.

Monate später - der Herr D. war gerade dabei, die riesige und schwere Standuhr seines verstorbenen Freundes aus dem Auto zu hieven - traf er die Rothaarige wieder. Er erkannte sie sofort, sie ihn nicht. Dennoch zögerte er keine Sekunde, zu fragen, ob sie ihm helfen könne, die Standuhr hinaufzutragen. Sie antwortete nicht, sie lief weiter, als hätte sie ihn nicht gehört. Der Herr D. wollte ihr noch nachrufen, bestimmt würde sie ihm lachend zu Hilfe eilen! Aber er zögerte. Er war unsicher geworden. Später, beim Ticken der alten Standuhr, war er sich wieder sicherer. Sie hatte ihn einfach nicht gehört. •

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