Kreuzberger Chronik
März 2021 - Ausgabe 227

Herr D.

Der Herr D. und der Ex


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von Hans W. Korfmann

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oder

Von fundamentaler Politikverdrossenheit

Als der Herr D. mit dem Auswärtigen Amt von Bonn nach Berlin zog, fiel es ihm gar nicht auf, wie oft die Berliner über Politik diskutierten. Auch die Bonner hatten ständig über Politik gesprochen, die ja quasi vor ihrer Haustür stattfand. So wie an den Münchner Stammtischen über Fußball und in Frankfurt über Börsenkurse gefachsimpelt wurde, so sprachen die Bonner eben über Kiesinger und Schmidt. Es war der Lokalpatriotismus, dem die Bonner oder die Münchner ihren Gesprächseifer zu verdanken hatten.

Die Berliner dagegen hatten nichts, worauf sich ihr Patriotismus hätte stützen können, weder Geld noch eine Fußballmannschaft. Als die Regierung nach Berlin zog, schlummerte die Stadt hinter dem stacheligen Grenzwall noch im Dornröschenschlaf. Nur in den schlaflosen Kneipen Kreuzbergs diskutierte man Tag und Nacht über Politik. Allerdings stritten die Kreuzberger im Gegensatz zu den Bonnern nicht über Kohl oder Schröder, sondern über Bush, Castro oder Arafat. Das gefiel dem Herrn D., es vermittelte ihm das Gefühl, von der Provinz in eine Weltstadt gezogen zu sein.

Die Kreuzberger Streitkultur gehörte inzwischen der Vergangenheit an. Anders als zu jener Zeit, als Westberlin noch eingemauert und weltoffen war, schien es nun kaum noch über seine Grenzen hinaus zu schauen. Heute wurde in Kreuzberg ebenso über die Lokalpolitik gefachsimpelt wie einst in Bonn, man kannte die grünen und die roten Positionen, kannte sämtliche Politiker mit Namen und ging alle vier Jahre zur Wahl in dem Glauben, man könne etwas verändern oder mitgestalten. Tucholskys berühmte Worte, die einst so viele Kreuzberger Brandwände zierten, waren aus dem Stadtbild verschwunden. Wenn Wahlen etwas ändern würden, dann wären sie verboten.

Deshalb mied der Herr D. politische Diskurse, wann immer er konnte. Der einzige, mit dem er noch über Politik sprach, war Eddi. Eddi war Profi, Eddi war Politiker, Ex-Politiker. Jetzt, mit 65, redete er Tacheles. Und gab dem Herrn D. immer wieder Sätze mit auf den Heimweg, die er nicht vergaß. So auch letztens wieder:

»Also, dass die Medien da mitspielen! Dass sie diesen Lokal-politikern im Bundestag immer wieder eine Bühne geben! Trotz sinkender Auflagenhöhen und Einschaltquoten! Trotz idiotischer Standpunkte. Man braucht doch heute, um als Politiker ins Gespräch und ins Geschäft zu kommen, nichts anderes zu tun als zu widersprechen. Man muss nur dagegen zu sein, wenn im Parlament etwas beschlossen wird, und schon bekommt man von sämtlichen Fernsehsendern das Mikrophon vor die Nase gehalten. Ich kann denen den größten Unsinn erzählen, sie werden es ausstrahlen, sie werden es drucken. Und das nennen sie dann politische Diskussion. Demokratie. Meinungsfreiheit. Die Freiheit, Scheiße erzählen zu dürfen!« •


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