Kreuzberger Chronik
Februar 2021 - Ausgabe 226

Herr D.

Der Herr D. auf dem Dorf


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von Hans W. Korfmann

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Wie sich der Herr D. an einen Stammgast erinnert

Der Herr D. kam auf seinem abendlichen Spaziergang beim Griechen in der Schenkendorffstraße vorbei. Wo früher bis drei Uhr morgens das Licht brannte, war alles dunkel. Ein Stück weiter, im Krug, brannte auch kein Licht mehr. Der Herr D. musste an Thomas denken, den alle im Krug Garten-Thomas nannten, weil er neben seiner Leidenschaft für Männer auch eine große Liebe zu Kartoffeln und Tomaten besaß. Er gehörte zum Inventar der Kneipe, und als er plötzlich starb, stand die Wirtin am Grab und vergoss Tränen. Auch der Herr D. hatte Thomas nicht vergessen, und wenn er auf seinen Abendspaziergängen an jeder Kreuzberger Ecke einen Bekannten traf, dachte er an Thomas´ Lieblingsausspruch: »Kreuzberg ist ein Dorf, und die Markthalle ist der Brunnen!«

Der Herr D. ging den Chamissoplatz hinauf, wo Hansi das Matto gehabt hatte, an dessen Tresen der Herr D. seine ersten Kreuzberger Nächte verbracht hatte, und wo jetzt auch kein Licht mehr brannte. Dann lief er die Fidicinstraße entlang bis zur Friesenstraße, wo Jorgos sein Lokal hatte. Hier brannte noch Licht.

Jorgos vom Restaurant Z hatte sich in die Herzen der Kreuzberger gekocht. Sie hielten ihm auch während staatlich verordneter Lokalschließungen die Treue und ließen sich ihr Abendessen von ihm einpacken so wie einst die hausgemachten Kohlrouladen von der Mutter. Aber Jorgos war betrübt. Er hatte gerade mit seinem Heimatdorf telefoniert, und Jorgos Mutter war in Tränen ausgebrochen, als er ihr mitteilte, dass er auch zu Weihnachten nicht fliegen dürfe.

Die Mutter klagte, dass sie allein sei mit dem kranken Vater, und dass niemand mehr käme, ihr zu helfen. Dass die Angst umging in dem Dorf, in dem vielleicht 100 Leute lebten, alte Leute, die sich alle kannten, von klein auf, eine große Familie. Sie hatten Angst, weil eine von ihnen gestorben war. Eine Mutter, die Besuch von ihrem Sohn erhalten hatte. Er brachte die Epidemie ins Dorf. Kurz darauf starben noch zwei weitere Alte im Dorf. Deshalb ging die Angst um. Vor einigen Tagen, erzählte die Mutter, sei ihre Cousine zu Besuch gewesen, aber sie hätte die ganze Zeit auf einem Stuhl in der anderen Ecke der Küche gesessen. Es sei gespenstisch leer geworden in den Sträßchen des Dorfes, keiner verlasse mehr das Haus.

Als der Herr D. nachhause ging, dachte er, dass der Satz von Thomas veraltet war. Kreuzberg war kein Dorf mehr. Hier ging es jetzt zu wie in jeder anderen Stadt, hier zogen die Menschen ein und aus, wohnten ein paar Monate oder Jahre Tür an Tür, manchmal ohne ein Wort zu wechseln. Man verbrachte kein ganzes Leben mehr miteinander, und manchmal starb man, ohne dass es der Nachbar bemerkte. Ganz anders als auf dem Dorf, wo jeder Bewohner das Drama mitverfolgen konnte. •


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