Kreuzberger Chronik
Dez. 2021/ 2022 - Ausgabe 235

Herr D.

Der Herr D. und der Lieferant


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von Hans W. Korfmann

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Vom unterschiedlichen Gemüt der Deutschen und der Griechen

Der Herr D. hatte einen Freund, den jungen Paketlieferanten. Täglich außer sonntags trafen sie sich im Flur und plauderten. Seit der Späti gegenüber keine Pakete mehr für die Nachbarn annahm, klingelte der Lieferant beim Herrn D., wenn der Empfänger nicht öffnete. Der Rentner war immer da.

Der Herr D. erkundigte sich, wie viele Pakete sein Freund dieses Mal im Transporter habe, ob er heute vor Mitternacht Feierabend habe, und ob man ihm wieder im Hauseingang aufgelauert hatte, weil er angeblich nicht geklingelt, sondern nur eine Benachrichtigung in den Briefkasten geworfen hätte.

Der Herr D. bewunderte die Geduld dieses Mannes, der trotz alledem behauptete, es sei ein guter Job. Petros war vor zwei Jahren aus Griechenland gekommen. »Vor Schäuble war das Leben wunderbar. Wir hatten alles, Arbeit, Zeit, Sonne, Spaß. Aber die Europäische Zentralbank hat Griechenland zerstört. Sie müssen sich Athen oder Saloniki jetzt mal ansehen! Wie viele Geschäfte verschwunden sind. Dagegen ist Corona eine Kinderkrankheit!«

Petros hatte Betriebswirtschaft studiert und abgebrochen, als ein Freund ihm einen Job in Athen anbot. Dann kam Schäuble, und die Geldautomaten waren plötzlich leer, der Laden wurde geschlossen und Petros stand auf der Straße. »Und jetzt zahle ich auch noch Steuern in Schäubles Kassen! Ein Witz ist das….«

Petros, der Laufbursche, der den ganzen Tag Treppen lief, den ganzen Tag angemeckert wurde, täglich angehupt wurde, weil sein Lieferwagen im Weg stand, täglich rannte und doch immer zu spät kam, ertrug alles mit Humor. Die Deutschen, sagte er, hätten ein »regnerisches Gemüt«, Griechen seien da anders.

Kürzlich aber hat auch er die Geduld verloren. Wegen einer Nachbarin aus dem Nebenhaus, »die sich nicht nur die Klamotten, sondern auch das Essen in die Wohnung schicken lässt. Die ist eigentlich immer da, die verlässt das Haus wahrscheinlich nur noch, um zum Psychiater zu gehen, diese blöde F… .«

Petros, die Personifikation der Höflichkeit, saß beim Herrn D. in der Küche, trank Kaffee und schimpfte. »Merken die nicht, wie pervers das ist, sich alles liefern zu lassen, sogar das Essen! In Griechenland sitzen wir jeden Abend im Restaurant und treffen die halbe Stadt, und wir gehen um Mitternacht zum shoppen. Die einzigen, die sich beliefern lassen, sind Alte und Kranke. Das ist doch verrückt, dieses ständige Zuhausehocken, ins Handy glotzen und auf Pakete warten… .«

Der Herr D. goss Kaffee nach und fragte: »Was hat die denn gesagt, dass Sie sich so ärgern?« - »Es sei eine Unverschämtheit, morgens um 10 zu klingeln. Die Lieferung sei zwischen 12 und 14 Uhr angekündigt gewesen, ob ich keine deutsche Uhr lesen könne!«


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