Kreuzberger Chronik
Oktober 2020 - Ausgabe 223

Herr D.

Der Herr D und die Maske


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von Hans W. Korfmann

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Der Herr D. ging schlaftrunken zum einzigen Bäcker, der um diese Zeit offen hatte. Es war halb sieben. Kaum hatte er sich zwischen dem sündhaft teuren Vollkornbrötchen und dem sündhaft teuren Mehrkornbrötchen entschieden und sah von der Vitrine zum Brötchenverkäufer auf, der ein Gesicht aufsetzte, als habe er seit einer halben Stunde darauf gewartet, dass der Herr D. endlich auch ihn einmal ansah, da sagte er schon: »Sie wissen ja, dass wir Maskenpflicht haben!«

Was den Herrn D. an dem Verkäufer dieses Mal ärgerte, waren der blinde Gehorsam und die unreflektierte Weitergabe von Befehlen. »Mit Ihnen hätten wir sogar den 2. Weltkrieg gewonnen«, murmelte der Herr D., und etwas lauter fügte er hinzu. »Sagen Sie, glauben Sie eigentlich, dass jeder Senior, der beim Betreten eines Ladens vergisst, die Maske aufzusetzen, dement ist?« Der Verkäufer sah ihn verdutzt an, noch nie hatte der Herr D. mehr als zwei Worte von sich gegeben: »Ein Kaiserbrötchen« oder »Ein Mehrkornbrötchen«.

Da es dem Verkäufer die Sprache verschlug, fuhr der Herr D. fort: »Oder glauben Sie, dass jeder 65-Jährige ohne Maske einer von diesen Idioten sein muss, die diese Maskerade für eine Verschwörung Trumps und Putins halten?«

Als der Herr D. sah, dass sein Gegner die Sprache noch immer nicht wiedergefunden hatte, fügte er hinzu: »Aber sagen Sie, wenn Sie hier schon den Richter spielen, warum spielen Sie dann nicht wenigstens einen gnädigen Richter. Einen sympathischen, einen, der mildernde Umstände einräumt, wenn ein alter Mann in seiner Schlaftrunkenheit vergisst, die Maske aufzuziehen? - Eins von den sündhaft teuren Mehrkornbrötchen bitte.«

Wortlos packte der Verkäufer die Aufbackware in die Tüte. Der Herr D. trat nun endlich hellwach und bestens gelaunt vor die Tür, aber dann drehte er sich noch einmal um und sagte: »Aber wissen Sie, was mich an Ihnen am meisten stört? Dass Sie auf der falschen Seite stehen. Dass Sie glauben, dieser Tresen hier wäre eine Grenze zwischen oben und unten, und sie stünden da oben. Dabei sind Sie genau so ein kleines ausgebeutetes Arschloch wie die meisten von uns. Und anstatt sich mit den kleinen Leuten zu solidarisieren, hauen Sie sie übers Ohr!«

Jetzt verlor der Verkäufer die Geduld: »Ich haue niemanden übers Ohr...«

»Doch, mich haben Sie übers Ohr gehauen: Sie haben mir letztens ein Baguette verkauft, das war mindestens zwei Tage alt. Ich hatte mir teuren Ziegenkäse aus der Halle geholt und wollte dazu ein frisches Baguette. Und Sie packen mir ein staubtrockenes ein, ohne einen Ton zu sagen. Sie sind ein Handlanger von denen da oben!« •

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