Kreuzberger Chronik
Mai 2020 - Ausgabe 219

Herr D.

Der Herr D. trifft den Herrn K.


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von Hans W. Korfmann

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Der Herr D. gab seinen Kritikern heimlich recht, wenn sie sagten, er solle sich endlich mal ein neues Handy kaufen. Tatsächlich stand er fast schon im Laden, da traf er den Herrn K. Da sie gerade vor einem dieser neuen Betonriegel standen, die sich in der Stadt breitmachten, sagte der Herr D.: »Als wir uns das letzte mal trafen, war hier noch das kleine Backsteinmäuerchen und die Laderampe des Anhalter Bahnhofs dahinter. Und dahinter war alles noch Grün!«

»Man kann den Fortschritt nicht aufhalten!«, sagte der Herr K.

Der Herr D. wollte etwas entgegnen, aber er hielt sich zurück. Der Herr K. hatte schon immer die Meinung vertreten, der Herr D. sei konservativ. Aber dann wurde der Herr K. plötzlich nachdenklich:

»Obwohl ... wenn ich an heute Morgen denke ... Kommen Sie, wir trinken einen Kaffee! Ob Sie´s jetzt glauben oder nicht, mein lieber Herr D.: Diese Geschichte heute früh, da kommen Sie auch drin vor. Und jetzt treffe ich Sie! Ich muss Ihnen das unbedingt erzählen.«

Die Grauhaarigen setzten sich in ein kleines Café, das man hinter den schmucklosen Betonsäulen bei dem Biomarkt mit seinem »Organic Soulfood«, dem »Pop-up-Store« und dem »Point of Surprise« eingerichtet hatte. Kaum saßen sie, legte der Herr K. sein Handy auf den Tisch. Der Herr D. ließ sein altmodisches Modell lieber in der Tasche.

»Mit diesem Handy hier!«, sagte der Herr K., »beginnt sozusagen mein Tag. Wenn ich aufstehe, schalte ich nicht das Radio an, sondern das Handy. Und heute kommt so eine Mail rein, gleichzeitig an mindestens 400 andere, eine Riesenliste! Wahnsinn! Unter anderem auch an Sie, Herr D., ist die nicht bei Ihnen angekommen?« - »Ich glaube nicht!«, sagte der Herr D. »Schauen Sie mal nach!«, sagte der Herr K. »Ich hab mein Handy zuhause gelassen!«, log der Herr D., der mit seinem alten Klapphandy nicht einmal Mails empfangen konnte.

»Egal. Aber das ist schon interessant, das mit dem Datenschutz! Es gibt ja viele, die sagen, das tangiere sie überhaupt nicht, sie würden eh nichts kaufen. Die sollen doch mit den Daten machen, was sie wollen. Aber kaum war diese Rundmail da, kam eine von Google hinterher. Ob ich die Standortbestimmung angelassen hätte? Da wird man dann schon nachdenklich. Wissen Sie, wenn Ihnen Google zeigt, wo Sie in den letzten zwei Jahren überall gewesen sind. Hier, schauen Sie, die haben mir sogar ein Bild von dem Hotel in Amsterdam geschickt, in dem ich war. Und eins aus Kassel, das hatte ich vollkommen vergessen: November 2018! Und hier, meine Stammkneipe. Gestern! Das ist doch gespenstisch, oder? Wenn die Sie überall hin verfolgen können?«

Der Herr D. tastete nach seinem Handy, ließ es jedoch stecken und begnügte sich mit einem lächelnden: »Eigentlich wollte ich mir gerade so ein neues Handy kaufen. Aber ich glaube, ich bleibe beim Alten.« •


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