Kreuzberger Chronik
Juli 2020 - Ausgabe 221

Herr D.

Der Herr D. beim Kiezdoktor


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von Hans W. Korfmann

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oder

Vom sicheren Ende

Der Herr D. war lange nicht beim Arzt gewesen. Zum einen, weil schon seine Altersgenossen ständig über Krankheiten sprachen und ihm die Laune verdarben, zum anderen wegen der Nachbarin. Die hatte ihre Tochter zum Kinderarzt geschickt, der ihr Bäder verschrieb, die die kleinen Pusteln zu wahren Pestbeulen anschwellen ließen und Narben fürs Leben hinterließen.

Und wenn ein Arzt schon die Windpocken nicht mehr erkannte, die jede Oma diagnostizieren konnte, wie sollte dann ein Internist des Rätsels Lösung in einem von unzähligen Alterskrankheiten lädierten Seniorenkörper ausfindig machen? Aber der Herr D. hatte eine schlaflose Nacht hinter sich, bekam den Arm nicht mehr hoch und versuchte hilflos wie ein Dreijähriger, sich die Schuhe zu binden.

»Wir haben doch unseren Doktor hier!«, meinte der Nachbar und wollte damit sagen, dass der einer von ihnen sei: Ein Kiezdoktor sozusagen. »Da können Sie einfach hin, ohne Termin, wie früher!«

Ok, dachte der Herr D., und tatsächlich erschien ihm die Praxis im unsanierten Altbau sofort sympathisch. Die Tür stand offen, gleich vier Damen sorgten sich hinter dem Tresen um die Kundschaft, die zahlreich in drei Zimmern verteilt auf Stühlen saß und wartete.

»Sie haben mir eine Flasche Wein mitgebracht?«, begrüßte der Doktor den Herrn D., der die alten Röntgenaufnahmen zusammengerollt und in ein Geschenktütchen gepackt hatte. Man plauderte ein bisschen über Wein und Whisky, wie es sich für Kiezbewohner gehörte, um sich dezent des Pudels Kern zu nähern. »Sie waren bestimmt schon nachts in der Notaufnahme wegen der Schmerzen!«, stellte der Arzt fest. »Nein!«, antwortete der Herr D., dem der Sinn der Frage verborgen blieb, bis er zehn Minuten später mit neuer Röntgenaufnahme wieder vor dem Doktor saß. »Wie ich es mir gedacht habe. Kalk! Wissen sie, wie oft mitten in der Nacht Leute ihres Alters in der Notaufnahme auftauchen, und dann ist es nur so ein bisschen Kalk!«

Der Kiezdoktor war sich seiner Sache sicher. Wahrscheinlich hatte die Diagnose schon festgestanden, als der Herr D. das Behandlungszimmer betrat. Alter Mann: Kalk! Nicht einmal den Pullover hatte der Herr D. ausziehen müssen, nicht einmal seiner Erzählung vom phantastischen Schmetterball und den plötzlich auftretenden Schmerzen hatte der Kiezdoktor Beachtung geschenkt. Der Herr D. hatte dieses Wort ohnehin noch nie gemocht: Kiez! Wie das schon klang!

Er glaubte dem Doktor kein Wort, als er sagte, dass sich das alles wieder geben würde. Ein bisschen Physiotherapie, ein bisschen Ibuprofen, ein bisschen Geduld ... Der Herr D. bekam den Arm nicht mehr hoch, monatelang. Es war das sichere Ende! Ein ganzes halbes Jahr lang dauerte es, bis er dem Doktor heimlich recht geben musste. •


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