Kreuzberger Chronik
Februar 2020 - Ausgabe 216

Kreuzberger
Die Puppenspieler Teil 2: Anna Wagner-Fregin

Ich muss ab und zu die Hände in die Erde stecken.


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von Ina Winkler

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Bis später!Mit diesen Worten verabschiedet sich Anna Wagner nicht nur von ihrem Mann, wenn sie auf die Bühne geht und hinter dem Vorhang verschwindet, sonden auch von ihren Kindern. Um wenige Sekunden später mit Schneewittchen oder dem Rumpelstilzchen vor dem Vorhang wieder aufzutauchen. Diese knappe Verabschiedung, die eigentlich klingt, als ginge jetzt jemand auf eine lange Reise, ist zum Ritual in der Puppenspielerfamilie geworden, das auch dann gepflegt wird, wenn die beiden Töchter gar nicht weit weg sind, sondern direkt vor ihrer Mutter im Zuschauerraum sitzen.

Weil sie an diesem Tag mitkommen mussten ins Theater. Weil Daniel, der Vater, wieder mal auf Tournee ist. Weil der Opa und die Oma aus Spandau gerade im Theater Zitadelle spielen. Und weil die andere Oma gerade hinter der Kasse in der Fidicinstraße sitzt und die Schwester an der Theaterbar steht. Es ist also niemand da, der sie aufpassen könnte, und dann müssen Paula und Marie eben mitkommen. Und obwohl sie die Stücke längst auswendig kennen, sind sie jedes Mal fasziniert von den kleinen Figuren, und sie strahlen und haben rote Backen, wenn am Ende der Applaus losbricht, wenn die Mutter wie im großen Theater noch drei Mal hinter dem Vorhang hervorkommen muss, weil die Leute nicht aufhören zu klatschen.

Die Verabschiedung der Kinder ist kein sinnentleertes Ritual. Ihre Mutter ist tatsächlich weit weg, wenn sie auf der Bühne steht, sie schlüpft restlos in ihre kleinen Puppen. Wenn Anna Wagner mit den Puppen spielt, ist das wirkliche Leben weit weg - obwohl die Puppen ihr manchmal ähnlich sind, und obwohl die Puppen manchmal Sätze sagen, die erst morgens am Frühstückstisch gefallen sein könnten.

»Was, das warst du?« , ruft irgendwann eine von ihnen. Das ist ein Satz, der nicht aus den Büchern der Grimms stammt, sondern aus dem Leben der Wagners. Genau genommen stammt er von Daniel und fiel Jahre nach der Hochzeit, als Anna ihn an eine ihrer Begegnungen erinnerte: Es war in der Potsdamer Straßenbahn gewesen, sie wären fast aneinander vorübergegangen, die ehemaligen Schüler der Schauspielschule, die einander immer heimlich »toll gefunden«, aber kaum ein Wort miteinander gesprochen hatten. Nun standen sie in der Straßenbahn voreinander: »Sag, warst du nicht auch mal auf der Ernst Busch?« - »Ja, stimmt…« - »Und du warst...« – »Ja, genau...« - Viel mehr war es nicht, »wir hatten ja nur zwei Stationen« , sagt Anna. Aber immerhin: Sie wusste damals genau, wer dieser junge Mann war. Im Gegensatz zu Daniel. Erst Jahre später verstand er, dass die Anna aus der Straßenbahn auch jene Anna war, die auf dem Schulhof immer an ihm vorüberschwebte. Anna, die Unerreichbare, der die gesamte Schauspielschule den Hof machte.


Fotos: Holger Groß











»Das erzählt er heute noch gern« , lacht Anna. »Dabei war eigentlich Daniel der Unerreichbare! Wenn an der Schule jemand über den Daniel sprach, dann riefen die andern: Was? DER Daniel

Da sich gleich beide für unerreichbar hielten, dauerte es auch nach der Begegnung in Potsdam noch einmal eine Weile, bis sie sich wirklich trafen. »Da war ich mit einer Freundin auf dem Schaubudensommer in Dresden. Daniel kam jeden Tag vorbei und sah sich an, was wir spielten.« Diesmal standen die Sterne günstiger, »ich hatte mich vor zwei Wochen von meinem Freund getrennt, und Daniel vor drei Tagen von seiner Freundin…«

Das war Zufall, aber auch ein bisschen wie im Märchen. So wie es auch ein bisschen wie im Märchen ist, wenn Anna Fregin, die Tochter des Kinderliedermachers Ferri, auf der Schauspielschule in Berlin landete. Denn Anna hatte nie auf die Schauspielschule gehen wollen. Zwar hatte sie schon mit vier für Die Sendung mit der Maus Kinderlieder gesungen und auf der Bühne vor der Fernsehkamera gestanden, aber Film und Theater waren nicht das Richtige für sie. Die künstlichen Welten behagten ihr nicht, die Welt ihrer Großmutter Genoveva von der Mosel, »die inzwischen über 90 ist und noch immer, - obwohl sie so gut wie blind ist - zu Weihnachten Wollsocken strickt« für die 13 Enkel und die ständig nachwachsenden Urenkel - diese Welt war ihr lieber. »Das hab ich nie vergessen, wenn wir dort Weihnachten feierten mit zwanzig Verwandten im so genannten Salon, was nicht mehr als ein großes Wohnzimmer war.« Es war eine Welt voller Kinder mit großem Garten und einem Haus, in dem es stets um zwölf Uhr Mittagessen gab. »Und wenn man von draußen aus dem Wald kam, musste man die Schuhe abspritzen und die Hände waschen. So etwas habe ich mir immer gewünscht.«

Auch nach dem Abitur und den vielen Buchstaben und Zahlen suchte Anna Fregin zuerst nach etwas Bodenständigem. »Ich brauche ab und zu Erde an meinen Händen.« Dann beschloss sie, Tischlerin zu werden und bewarb sich bei den Schreinern in der Gegend. Die sahen sich ihr Zeugnis an und schüttelten den Kopf: »Das macht doch keinen Sinn. Wir suchen jemanden, der bei uns bleibt. Und mit ´nem Abiturdurchschnitt von 1,5 bleibst du bestimmt nicht lange bei uns!«

Eines Tages sah sie in der Scheune eines Bauernhofes die Aufführung eines Puppentheaters. Als sie die Werkstatt der Puppenbauerin mit ihren Stecheisen und Raspeln sah, war sofort klar: Wenn sie schon keine Stühle und Tische tischlern durfte, dann wollte sie wenigstens Puppen schnitzten. Also bewarb sie sich auf der Schauspielschule in Berlin. Und Berlin war ganz anders als Köln, »total geil! Ich konnte hier plötzlich herumlaufen, wie ich wollte, und kein Mensch interessierte sich dafür.«

Sie bereitete sich nicht groß vor, sie ging einfach hin, sang ihr Lied, sprach ihren Text, spielte ihre Rolle, und kam trotzdem in die engere Auswahl. Auch bei der Aufnahmeprüfung musste sie wieder ein Lied vortragen, »Und Singen, das konnte ich ja, da hatte ich Routine. Aber ausgerechnet wegen dieses Liedes wäre ich dann beinahe durchgefallen. Die wollten mir klar machen: Mädchen, egal, wie oft du schon auf der Bühne gesungen hast: Vergiss alles, was Du weißt. Wir fangen hier noch mal ganz von vorne an!«

Also fing sie wieder von vorne an und lernte auf der Schauspielschule Ernst Busch noch einmal Singen, Sprechen, Tanzen. Dramaturgie und Theatergeschichte. Akrobatik und Reiten und sogar Fechten zu Pferde. Und dann, als sie das alles gelernt hatte und in der Schule mehrmals an Daniel vorübergegangen war, ohne dass er stehen geblieben wäre, ging sie nach Dresden ans Theater Junge Generation, wo sie einiges über die Hierarchien und den Konkurrenzkampf hinter geschlossenen Theatervorhängen erfuhr.


Gegen Daniel braucht sie nicht zu kämpfen. Da gibt es keine Spur von Neid. »Wenn ich seine kleinen Figuren beobachte, wie er spielt, wie er darin aufgeht - dann wird mir ganz warm ums Herz! Das ist nur schön, sonst nichts. Und wenn wir auf die Bühne gehen, dann haben wir immer eine gute Zeit zusammen – auch wenn wir da kein Wort miteinander sprechen können.«

Auf der Bühne sprechen die Puppen. Aber diese Puppen sind ziemlich geschwätzig, sie plappern einiges aus über Anna und Daniel. So wie die Hexe aus dem Stück »Bei Vollmond spricht man nicht« , die plötzlich sagt: »Es kotzt mich an, dass immer alle anderen Schuld sind…«. Das klingt wie ein Satz vom Frühstückstisch. Die Hexe sagt viele solcher Sätze. Die Hexe ist Annas Lieblingspuppe, spontan, naiv, direkt. »Sie sagt Sachen, die wir nie sagen würden. Überhaupt: Die Puppen sind frei, die dürfen schimpfen, fluchen, lachen, alles!«

Und niemanden stört es! Die Kinder im Publikum lachen nur darüber. Auch die Erwachsenen lachen, obwohl ihnen bei einigen Sätzen das Lachen im Hals stecken bleibt. Aber nur ganz kurz, es geht gleich weiter im Text mit dieser Leichtigkeit des Puppendaseins, mit dieser schwerelosen Poesie, mit der Anna und Daniel diese alten, oft dunklen Geschichten der Grimms erzählen.

Jetzt proben sie erstmals an einem Stück »nur für Erwachsene«. Anna Wagner- Fregin hat gehörigen Respekt davor. Das Stück basiert auf einem Buch von Betrand Santini: Der Yark. »Der Yark ist ein Ungeheuer, das süße Kinder frisst, weil süße Kinder so gut schmecken. Bei bösen Kindern bekommt der Yark leider immer nur Magenschmerzen.« Nun hat der Yark aber irgendwann alle süßen Kinder schon aufgegessen, und es gibt nur noch böse Kinder auf der Welt. Da trifft er eines Tages auf das süßeste Kind, das er je gesehen hat. Aber dieses Kind ist ein sehr, sehr schlaues Kind.... »Das Buch gefiel mir so gut, dass ich es ständig verliehen habe.« Und irgendwann, wahrscheinlich wieder am Küchentisch, fragte Anna ihren Daniel, ob der Yark nicht auf die Bühne müsste. Und dann fragte Anna Daniels Eltern, die Puppenspieler. Und dann den Autor und den Verlag, »und alle sagten Ja. Da hab ich erst mal einen Schreck bekommen!«

Wann der Yark reif genug ist für die Bühne, weiß niemand. Aber sie proben schon daran, entwickeln die Stimmen. Die Figuren sind ja nicht fertig, sie wachsen erst allmählich, mit jeder Probe um ein paar Sätze. Erst während des Spiels erhalten sie ihren Charakter. Deshalb könnte es noch dauern, bis der Yark fertig ist. Die Proben sind viel spannender als die Aufführungen, für die Puppenspieler sind die Proben das Abenteuer.

»Man weiß noch nicht, was dabei rauskommt.« Auch wenn am Ende der Prinz immer seine Prinzessin bekommt. So wie in der Vollmondgeschichte, wo Anna und Daniel beide mit Kronen auf die Bühne kommen, als Königin und König, mit einer Puppen-Tochter, die sich beklagt, dass ihr Vater nie Zeit hat für sie. Auch das ist wieder so ein kantiges Stückchen Wirklichkeit in der Märchenwelt. Denn Daniel ist viel unterwegs, meistens ist es Anna, die bei den Kindern bleibt. »Ich habe doch keine Kinder in die Welt gesetzt, um dann ständig zu arbeiten. Außerdem verbringe ich meine Zeit viel zu gerne mit den Kindern!« Das halten einige Geschlechtsgenossinnen für altmodisch. Aber Anna Wagner hat schon immer gemacht, was sie wollte.

Manchmal geht sie auf Reisen, allein, nur mit ihren Puppen. Spielt und erhält Auszeichnungen, den Ikarus »für herausragende Theaterinszenierungen« zum Beispiel. Manchmal nimmt sie auch Daniel mit. »Welches Paar kann das schon, zusammen arbeiten und verreisen! Das ist doch toll!« Dann sind Kinder meistens bei Freunden, oder eben bei Omi uns Opi. »Wir sind eben ein echtes Familienunternehmen, alle machen mit, die Großeltern, die Geschwister, die Freunde, alle…«

Aber trotz alledem, trotz des Erfolges, der Liebe zum Theater und der Liebe zueinander, ist da noch immer die Sehnsucht nach der Oma Genoveva mit ihrem Haus und dem Garten und dem pünktlichen Mittagessen. Nach diesem ganz normalen Familienleben. »Ich brauche ab und zu den See, die Bäume, ich muss ab und zu die Hände in die Erde stecken« , sagt Anna. »Und Daniel muss mit einem Skateboard auf dem Bordstein zwischen zwei parkenden Autos sitzen und ne Pizza essen - damit sich bei ihm mal so was wie Erholung einstellt.«

Sagt Anna und packt ihre Sachen zusammen. Es ist halb acht. »Ich habe versprochen, die Kinder heute ins Bett zu bringen.« •

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