Kreuzberger Chronik
Oktober 2019 - Ausgabe 213

Herr D.

Der Herr D. fragt nach


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von Hans W. Korfmann

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Der Herr D. war schon lange genug in Kreuzberg, um sich über jede Veränderung in »seinem Kiez« zu ärgern, insbesondere über die Einwanderungsflut der Westdeutschen, die unter Kiezbewohnern als Normalos, vom Herrn D. lieber als Spießer bezeichnet wurden. Doch noch war er glücklich in seinem Kiez, saß mit zufriedener Miene vor der Markthalle und freute sich, wenn er bei einer einzigen Tasse Kaffee etwa vierzig mal grüßen musste. Und wenn die Touristen ihr Croissant für viel Geld in der Markthalle kauften, während er es gegenüber beim Türken für 60 Cent holte.

Er liebte das Croissant aus der Friesenstraße, und als passionierter Frühaufsteher schätzte er es, wenn in der Friesenstraße schon um fünf Uhr morgens die Schrippen dufteten. Zwar forderte die Eigenart des Bäckerehepaares, die gesammelten Ein- oder Zwei-Centstücke der Kundschaft jedes Mal gewissenhaft nachzuzählen, mitunter seine Geduld heraus, und das immer freundliche, immer geschäftstüchtige Lächeln der Bäckersfrau stimmte ihn misstrauisch - ebenso wie der nette Aushang, mit dem sich die vierköpfige Bäckerfamilie alljährlich in die Sommerferien verabschiedete - nicht, ohne darauf hinzuweisen, dass sie bald wieder ganz für ihren Kiez da sein würde; doch die Zweifel des Herrn D. an der Freundlichkeit der Bäckersleute verflogen spätestens an jenem Tag, als die Frau sagte: »Aber das macht doch nichts, dann bezahlen Sie eben später.«

Selbst, als der Preis für die Croissants von 60 auf 70 und wenig später auf 80 Cent kletterte, verzieh er seinem Bäcker und war besorgt, als er hörte, die Bäckerei müsse ausziehen, weil sie eine hundertprozentige Mieterhöhung erhalten habe. Doch die Bäckersfrau grüßte mit unverändert glücklichem Lächeln. Da fragte der Herr D. nach. »Unsinn!«, lachte die Bäckerin und winkte ab. »Was die Leute im Kiez alles erzählen…« Und als der Sommer kam und die Familie sich wieder in den Urlaub verabschiedete, dachte der Herr D., dass zumindest dieser Laden von den Veränderungen im Kiez verschont blieb.

Das war nun drei Monate her. Und die Familie war noch immer nicht aus dem Urlaub zurück! Die vermeintliche Urlaubsvertretung lächelte nicht und sprach nicht, die Auslagen wurden immer leerer, die Kundschaft immer kleiner. »Sagen Sie, wann kommt denn die Familie wieder zurück?«, fragte der Herr D. Die Antwort war ein Achselzucken.

Der Herr D. ging ein Stück die Straße hinauf zu Kadims Fahrradladen. Kadim wusste über alles Bescheid, was im Kiez passierte. »Die sind weg. Die kommen auch nicht mehr. Einfach weg, ohne sich zu verabschieden. Sowas macht man doch nicht!«, sagte Kadim.

Ganz so Kiez-verbunden war sie vielleicht doch nicht gewesen, die türkische Bäckersfamilie, dachte der Herr D. Aber vielleicht - wer weiß das schon - würden sie ja eines Tages wieder auftauchen. •

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