Kreuzberger Chronik
Februar 2018 - Ausgabe 196

Herr D.

Der Herr D. besucht eine Ausstellung


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von Hans W. Korfmann

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Der Herr D. hatte viel Ärger bekommen. Immer wieder wurde er von seinen Nachbarn vorgeworfen, Schuld an der gescheiterten Parlamentsbildung gewesen zu sein. Er hätte wählen gehen, der SPD seine Stimme geben müssen. Er sei ein Totalverweigerer! Der Herr D. nickte.

Nicken musste er auch, als er eine Ausstellung im Willy-Brandt- Haus besuchte. Gezeigt wurden Aufnahmen verkrüppelter Menschen und Landschaften, Folgen eines weltweiten Einsatzes von Pestiziden. Bilder, die schon früh auf Glyphosat und seine verheerenden Wirkungen hinwiesen. Bilder von Müttern und deren missgestalteten Kindern. Bilder von Menschen, deren Leben zu einer einzigen, trostlosen Traurigkeit geworden war. In deren Gesichtern sich Verzweiflung und Anklage mischten.

Während neben dem Herrn D. zwei Studenten vor dem Bild einer Mutter, die sich über ihren abgemagerten Sohn beugte, lebhaft über die Wahlkampfstrategie der SPD diskutierten, las der Herr D., dass die Fotografen W. Eugene Smith und Pablo E. Piovano jahrelang durch Japan und Argentinien gereist waren, um die Folgen der Vergiftungen durch Chemiekonzerne zu dokumentieren. Und dann dachte er an den Landwirtschaftsminister der CSU, der wenige Tage zuvor einer weiteren Zulassung des umstrittenen Mittels Glyphosat in der europäischen Landwirtschaft zugestimmt hatte.

Dann fiel ihm der Nachbar aus dem Nebenhaus ein, ein Dolmetscher, der oft mit diesem Minister im Zug gesessen und im Restaurant gegessen hatte, wenn der mit dem größten Schweinemäster Deutschlands Rotwein trank. »Das ist so einer, der dich nicht mal mit dem Arsch anschaut, wenn du für ihn übersetzt!«, sagte der Nachbar.

Und dann, zum guten Schluss, hörte der Herr D. noch am selben Abend in den Nachrichten, dass Schulz, der Kanzlerkandidat der SPD, der Nachfolger Willy Brandts, der noch am Tag der Bundestagswahl verkündet hatte, dass die Sozialdemokraten mit der konservativen Union keine Koalition eingehen würden, nun seine Partei zu einer Großen Koalition bewegen wollte. Sich nun doch mit den Brüdern und Schwestern des Landwirtschaftsministers Schmidt an einen Tisch setzen würde. Um, wie er sagte, Verantwortung zu übernehmen.

Er erklärte das zehn Tage, nachdem dieser Schmidt in Brüssel mit seiner entscheidenden Stimme die weitere Verwendung des umstrittenen Herbizids ermöglicht hatte. Er sagte es, nachdem er auf seinem Weg ins Büro viele Tage immer wieder an diesen mahnenden Bildern der Ausstellung und an der kantigen Gestalt Willy Brandts vorüber gegangen war.

In diesem Moment war der Herr D. wieder einmal sehr froh darüber, nicht an der Wahl teilgenommen zu haben. •


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