Kreuzberger Chronik
April 2018 - Ausgabe 198

Herr D.

Der Herr D. gibt nicht auf


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von Hans W. Korfmann

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Der Herr D. hatte einen Freund in Österreich, dem er seit etwa dreißig Jahren einmal im Jahr zum Geburtstag ein Buch schickte. In diesen dreißig Jahren hatte sich mehrmals die Adresse des Absenders geändert, das Porto war viele Male erhöht worden, die Briefmarken hatten gewechselt, sogar die auf der Marke angegebene Währung hatte sich von D-Mark und Pfennigen in Euro und Cent verwandelt. Nur die Adresse seines alten Freundes war all die Jahre über unverändert geblieben. Der Herr D. kannte sie längst auswendig, so oft hatte er sie mit dem Füllfederhalter seines Vaters auf den Umschlag geschrieben.

Dennoch kam das Päckchen mit dem Vermerk wieder zurück, der Empfänger sei unter der angegebenen Adresse nicht zu ermitteln.

Der Herr D. bekam einen Schreck, rief entgegen aller Tradition den Brieffreund persönlich an und erfuhr, dass er noch immer in der Kefergasse wohne und sich bester Gesundheit erfreue. Der Herr D. nahm das Paket, auf dem die Adresse mit einem Kugelschreiber dick durchgestrichen worden war, ging zur Post und sagte: »Ich möchte 7 Euro!«

»Zeigen Sie mal her!«, sagte die Frau hinter dem Schalter, inspizierte die Adresse von allen Seiten, als müsse ein chirurgischer Eingriff erfolgen, und sagte: »Also, das e könnte man auch für ein a halten.«

»Ja, jetzt vielleicht, wo Sie dieses Kreuz da drüber gekritzelt haben! Ich habe der Deutschen Post sieben Euro gegeben, damit dieses Paket nach Österreich kommt, und die will ich jetzt zurück.«

»Die Deutsche Post gibt es nicht mehr. Das hier ist die Postbank. Hier ist eine Telefonnummer, Sie können es probieren. Aber machen Sie sich keine großen Hoffnungen!«

Der Herr D. studierte das postgelbe Kärtchen mit dem schwarzen Posthorn. Darauf stand: Wir sind für Sie da.

Als der Herr D. anrief, waren leider alle Mitarbeiter im Gespräch. Beim dritten Versuch sollte ihm in wenigen Minuten ein Mitarbeiter zur Verfügung stehen. Doch nach drei Minuten und 24 Sekunden brach das spanische Gitarrensolo auf dem Höhepunkt plötzlich ab. Beim vierten Versuch begrüßte ihn Frau Kalikowsky und erklärte dem Herrn D., was zu tun sei, um die sieben Euro zurückzuerhalten: Die Sendung fotografieren, das Bild auf der Homepage des Unternehmens hochladen, die Reklamation schriftlich begründen, wobei er nicht vergessen dürfe, sämtliche Kästchen im Formular auszufüllen. »Und dann befindet der Sachbearbeiter, ob Ihre Reklamation berechtigt ist.«

Der Herr D. warf einen Blick auf das Onlineformular und die vielen Kästchen, packte das Buch in einen neuen Umschlag, beschriftete es so wie all die 30 Jahre zuvor auch, ging zur Postfiliale, überreichte ihn der Frau am Schalter, die ihn mit einem nachsichtigen Lächeln begrüßte, nochmals 7 Euro und sagte. »Die Hoffnung stirbt zuletzt!« •


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