Kreuzberger Chronik
Dez. 2017/Jan. 2018 - Ausgabe 195

Herr D.

Der Herr D. trinkt Kaffee


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von Hans W. Korfmann

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Der Herr D. hörte keine Nachrichten mehr zum Kaffee. Seit die Radiosender nach einem Treffen der weltweit wichtigsten Staatsmänner nicht mehr über die Resultate der Verhandlungen, sondern nur noch über die Proteste am Rand des Gipfels berichteten, die »die schlimmsten seit dem 2. Weltkrieg« gewesen seien – als hätte es in den Sechzigern keine Demos gegeben! - trank er den Kaffee lieber mit Heinz in der Markthalle.
Heinz war ein echter Kreuzberger: Er war Sannyassin und Hippie gewesen, hatte Urlaub auf La Gomera gemacht, war ein Jahr lang auf einem Pferd durch die Welt geritten, liebte Flohmärkte und träumte vom Leben in einem Indianerzelt. Und je älter er wurde, um so mehr schien ihn das Gewöhnliche und Alltägliche zu langweilen.
Natürlich hatte auch er Kompromisse eingehen müssen: Er hatte eine Lehre als Elektriker absolviert, sich in eine schöne Frau verliebt, ein Kind bekommen und bei Siemens gearbeitet. Aber er konnte hübsche Geschichten erzählen, von den Glühbirnen zum Beispiel, die zu lange leuchteten, weshalb Siemens nach einem geeigneten Mittel suchte, um die Lebensdauer der Leuchten zu verkürzen, ohne die gesamte Produktion umstellen zu müssen. Die Lösung war ein Klebstoff für die Nahtstelle zwischen Glaskörper und Metallgewinde, der nach Ablauf einer gewissen Zeit Sauerstoff in den Glaskolben eintreten ließ und den Draht zum Verglühen brachte. Heinz wusste, dass Siemens schon in den Siebzigern Teile des berühmten Siwamat in Indien fertigen ließ, dass aber die in China produzierten Teile partout nicht in das Gehäuse Deutschlands berühmtester Waschmaschine passten. Weshalb sich Siemens entschied, die Waschmaschinen komplett in China produzieren zu lassen– wobei die Firma angeblich sogar Fördermittel aus der deutschen Entwicklungshilfe erhalten hatte.
Diese Geschichten aus dem wahren Leben waren interessanter als das, was Zeitungen und Fernsehsender veröffentlichten. Immer wieder mischten sich die Nachbarn am Tresen oder vom Nebentisch in das Gespräch. Seit Wochen ging das so. Bis zum letzten Montag.
»Könnten Sie sich etwas leiser unterhalten!«, sagte plötzlich ein junger Mann am Nebentisch. »Sie haben eine sehr laute Stimme.« Der junge Mann lächelte dabei so freundlich wie ein Arzt, der einem Fünfjährigen die Blinddarm-OP schmackhaft machen möchte. Ohne die Antwort seines Tischnachbarn abzuwarten, wandte der junge Arzt den Blick wieder seinem Smartphone zu. Heinz überlegte einen Moment, dann sagte er: »Wollen Sie wirklich, dass die Menschheit nur noch in ihre Handys schaut, anstatt sich zu unterhalten? Schweigen kann doch nicht der Sinn eines Telefongerätes sein!«
Aber der junge Mann war längst schon wieder in seinen winzigen Bildschirm vertieft und von der Außenwelt abgeschnitten. •

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