Kreuzberger Chronik
Oktober 2015 - Ausgabe 173

Herr D.

Der Herr D. und die Spießer


linie

von Hans W. Korfmann

1pixgif
Warum der Herr D. sich manchmal schämt, ein Radfahrer zu sein

Der Herr D. war mit seinem gemütlichen Hollandrad auf dem Weg zur Arbeit, da überholte ihn links ein Schulkind. Der Geschwindigkeitsunterschied war etwa so groß wie der zwischen einem VW Käfer und einem Ferrari. Der kleine Radrenner hatte den Kopf auf die Brust geklappt und die Lippen zusammengebissen. Als die Ampel auf Rot sprang, fluchte er und bremste.

Als Jim Clark, der Sohn eines schottischen Bauern, Weltmeister in der Formel 1 wurde, wollte auch der Herr D. Rennfahrer werden. Keiner seiner Klassenkameraden nahm die Kurven mit dem Fahrrad so eng wie er, keiner bremste so spät wie er. Später las er Hermann Hesses Steppenwolf, der mit dem Gewehr auf Autofahrer schoss, und beschloss, lieber auf dem Fahrrad zu bleiben, als in diese qualmenden Kisten zu steigen. Und während die Spießbürger mit Krawatte im Auto saßen und zur Arbeit eilten, radelten die Hippies ganz gemütlich mit dem Fahrrad. Das Fahrrad wurde zur Alternative und zum Protest gegen das Establishment.

»Du bist ganz schön schnell!« , sagte der Herr D. zu dem jungen Radrenner, aber der wartete gerade auf die Grünphase. »Fährst du zur Schule?« , versuchte er es. Mit einer zackigen Bewegung drehte sich der Helm kurz dem Herrn D. zu, nickte und ging zurück in die Startposition. »Hat dein Vater auch so ein tolles Rad?« , fragte der Herr D.

»Der hat sogar zwei davon. Ich auch. Das hier ist das für die Schule, das andere steht in der Garage. Das ist zu teuer für einen Berliner Schulhof, hat mein Vater gesagt.«

Der Herr D. dachte daran, wie er sich einst für 10 Mark ein altes Fahrrad gekauft hatte. Später, als der Smog sich auf den Häuserwänden und in den Lungen der Städter absetzte, machte eine politische Partei das Fahrrad wieder salonfähig, und irgendwann kostete ein Gebrauchtwagen weniger als ein Fahrrad.

»Hauptsache, es macht Spaß!« , sagte er. Aber der Junge sah ihn verdutzt an. »Ich fahr doch nicht zum Spaß. Ich muss zur Schule!«

Eine gemütliche Stunde später überholte ihn rechts ein Radfahrer. Der Geschwindigkeitsunterschied war etwa so groß wie der zwischen einem Goggomobil und einem Ferrari. Der Sicherheitsabstand betrug 3 Zentimeter. Nach dem Überholvorgang drehte sich der Radrenner um und rief: »Können Sie nicht Fahrradfahren, Sie Idiot!« - »Ich fahre, wie ich will!« , rief der Herr D., und als er an der Ampel neben dem Radrenner zum Stehen kam, fügte er hinzu: »Sie sind ja schlimmere Spießer als die Autofahrer!« - »Quatschen Sie mich nicht voll, Mann!« - »Sie haben doch mit Quatschen angefangen!«

Da kam Christian Ströbele von den Grünen mit seinem Rad und grinste: »Jetzt seid doch mal vernünftig! Das sind ja Kampfszenen wie unter Autofahrern! Wir sind doch friedliche Radfahrer.« - »Noch so ein Spießer!« , dachte der Herr D. und trat in die Pedale.

zurück zum Inhalt
© Außenseiter-Verlag 2019, Berlin-Kreuzberg