Kreuzberger Chronik
Mai 2015 - Ausgabe 169

Herr D.

Der Herr D. an der Spree


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von Hans W. Korfmann

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Der Herr D. dachte: Sonntag. Sonne. Spree. Und fuhr los. Mit dem alten Fahrrad. Kaum saß er im Sattel, da vernahm er ein helles, surrendes Geräusch. Den Bruchteil einer Zehntelsekunde später war die Fahrradfahrerin mit dem Kleinkind auf dem Kindersitz bereits neben ihm. Der Herr D. bremste, verlor die Balance, stieg ab und sah der Frau nachdenklich hinterher. Sie hatte bereits die nächste Querstraße erreicht. Ohne sich umzublicken.

Der Herr D. radelte weiter, da kam ein Skater auf ihn zu. Der Herr D. versuchte festzustellen, ob er rechts oder links an ihm vorübersausen wollte. Wenige Meter vor ihm sprang er plötzlich ab, das Brett wirbelte durch die Luft dem Herrn D. vors Rad. Er konnte gerade noch ausweichen. Als er sich umdrehte, war der junge Mann bereits wieder auf dem Brett und rollte weiter.

Der Herr D. überlegte, ob er tatsächlich so alt geworden war, dass er sich über die unerzogene Jugend aufregte. Doch als er etwas später auf einer Bank in der Sonne saß, und vor ihm die Kinder im Sandkasten mit ihren Schaufeln und Eimern Beschäftigungen nachgingen wie vor hundert Jahren, kam er zu dem Schluss, dass alles beim Alten geblieben war. Und dass auch er früher den Erwachsenen gerade noch eine Entschuldigung hinten nach gerufen hatte, wenn er sie mit seinem Rennrad beinahe umgefahren hatte.

Er schloss die Augen, träumte vom Meer, und als er die Augen wieder öffnete, fiel sein Blick auf das Knie einer jungen Mutter, die neben ihm saß und telefonierte. Gleichzeitig rief sie nach ihrem Kind, um ihm ein Stück Banane einzuverleiben. Doch das Kind drehte sich abrupt um, und die Banane landete im Sand. Der Herr D. hob sie auf und warf sie in den Mülleimer. Die Mutter sagte nichts. Sie telefonierte weiter mit der Freundin. Als das Kind zum zweiten Mal kam, fiel das Handy in den Sand. Der Herr D. bückte sich nicht. Die Frau sah ihn an. Der Herr D. lächelte. Sie lächelte nicht. Sie sagte nichts. Sie sagte etwas zu ihrem Handy. Als das Handy antwortete, lächelte sie.

Wenig später schrieb sie eine SMS. Sie kicherte. Sie sah eigentlich ganz nett aus. Möglicherweise, dachte der Herr D., sind diese jungen Menschen genauso nett wie wir. Sie haben nur das Reden verlernt. Und sie können sich nicht mehr ansehen. Sie verlernen den Umgang mit der Wirklichkeit vor lauter virtueller Realität.

Am Abend sah er eine Talkshow. Nur fünf Minuten. Das reichte. Die Moderatorin fragte eine Mutter zweier Kinder, wo sie ihren Mann kennengelernt hätte. Im Internet, antwortete sie. Ob das nicht unromantisch sei, fragte die Moderatorin. Zwei Drittel aller Männer fänden ihre Partnerin im Internet, antwortete die Blonde. Dann wollte die neugierige Moderatorin wissen, wann er ihr seine Liebe erklärt habe. »Ach, das ging ganz schnell« , sagte die Blonde. »Per Skype!« Und er hätte ihr dabei ganz tief in die Augen geschaut. •

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