Kreuzberger Chronik
Juli 2015 - Ausgabe 171

Herr D.

Der Herr D. und der Wasserkessel


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Autor unbekannt

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Der Herr D. besaß einen alten Wasserkessel, der vom vielen Hantieren schon ganz verbeult war. Auf jeder Party erhielt er von seiner neuen Nachbarin, die wenig Bewunderung für das Relikt aus den WG-Zeiten des Herrn D. zeigte, Hinweise auf etwaige Sonderangebote bei Karstadt. Irgendwann kam sich der Herr D. selbst wie ein verbeulter Kessel vor, und da die nächste Geburtstagsparty ins Haus stand und viele Neukreuzbergerinnen zu erwarten waren, brachte er den Kessel zu den Blumen auf den Balkon.

Als gelernter Kreuzberger beschloss er, zum Türken zu gehen. Zum einen aus Solidarität, zum anderen, weil Türken passionierte Teetrinker waren und stets Teekessel im Regal hatten. Doch sein Türke lächelte mit orientalischem Fatalismus und sagte: »Alle ausverkauft!«

Also ging der Herr D. zu Karstadt. Obwohl er Karstadt boykottieren wollte, seit Berggruen den Laden aufgekauft hatte. Berggruen hatte halb Kreuzberg gekauft. Aber seine neue Nachbarin meinte, die kleinen Kessel bei Karstadt seien genau das Richtige für einen Singlehaushalt, und ein Kessel sei schließlich kein Elektrogerät, das nach Ablauf der Garantie abschalten könne. Bei einem Kessel könne man nichts falsch machen.

Am Nachmittag kochte der Herr D. den ersten Tee im neuen Kessel, die Pfeife pfiff wie eine Dampflokomotive, das Wasser blubberte wie im Whirlpool, der Kessel wurde so heiß, dass sich der Herr D. am Griff die Finger verbrannte. Nach einer Woche aber stellte die Pfeife das Pfeifen ein. Wenige Tage später fiel der Griff der Pfeife ab, wobei die kleine Schraube in ein dafür vorgesehenes, unzugängliches Innenfach der Pfeife rutschte. Der Herr D. verzichtete auf die Pfeife und trank Tee, bis er eines Morgens die Wasserlake sah. »Das kann doch nicht wahr sein!«, sagte er, aber es war wahr: Der Kessel leckte!

Der Herr D. lief zu Karstadt, zog den Kessel aus dem Rucksack und deutete auf die Schwachstelle. »Und?«, fragte die Verkäuferin. »Der leckt!«, sagte der Herr D. – »Sie möchten also diesen Kessel umtauschen?«, fragte die Blonde. In ihren Mundwinkeln zeigte sich eine bösartige Spur von Mitleid. »Haben Sie einen Kaufbeleg?« - »Ich rechne auf Ihre Kulanz!«, sagte der Herr D. »Da haben Sie die Rechnung aber ohne uns gemacht!«, sagte die Verkäuferin. »Ich möchte den Chef sprechen!«, sagte der Herr D. Die Verkäuferin rollte mit den Augen. »Wegen zehn Euro? Sie glauben doch nicht im Ernst, dass ich wegen zehn Euro den Chef hole?« – »Es geht ums Prinzip!« – »Ich kann den Chef nicht holen, der Chef ist auf einer Besprechung«.

Der Herr D. hatte keine Chance gegen Berggruen. Er feierte seinen Geburtstag wieder mit dem alten Wasserkessel. Und er fand ihn gar nicht mehr hässlich. Als die Nachbarin ihn fragte, warum er ihn denn immer noch nicht entsorgt hätte, sagte er: »Ich liebe ihn. Der ist irgendwie wie ich. Alt und verbeult, aber tropft noch nicht.«•




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