Kreuzberger Chronik
April 2015 - Ausgabe 168

Herr D.

Der Herr D. und die Berliner


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von Hans W. Korfmann

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Der Herr D. wollte Brötchen. An einem Samstag in der Marheinekemarkthalle. Das war ein Fehler. Kaum hatte er die Halle betreten, kam ein Mann auf ihn zu und bot ihm einen jener Pfannkuchen an, die in Hessen Krebbel, in Bayern Krapfen und im übrigen Restdeutschland Berliner heißen. Der Mann machte einen unglücklichen Eindruck. Er sah aus, als hätte er keinen einzigen Berliner verkauft, obwohl die Halle voller Menschen war.

Dann sah der Herr D. die Kringel auf den Berlinern. Fünf olympische Kringel im Puderzucker. Aber Olympia passte nicht zu Berlinern. Der Herr D. erinnerte sich an die großen Abstimmungstafeln in der Turnhalle am Columbiadamm: Links eine sehr große »Pro Olympia«, rechts die kleine »Kontra.«

»Greifen Sie zu, kostet nichts!«, sagte der Mann mit dem Backblech. Der Herr D. hatte Mitleid mit der traurigen Gestalt und wollte sich einen dieser süßen Berliner greifen, da wurde er hinterrücks von einem echten Berliner gewarnt. »Essen Sie die nicht. Die kommen aus dem Knast. Ein Produkt der Zwangsarbeit.«

»Nehmen Sie ruhig einen, sind garantiert nicht vergiftet!«, sagte der Mann mit dem Backblech. Der Herr D. wollte schon zugreifen, da griff neben ihm ein Mann zum Mikrophon. Der Mann war der Berliner Justizsenator. »Was hat denn der Justizsenator mit Olympia zu tun?«, fragte der Herr D. den Mann mit der traurigen Gestalt. »Hatte der etwa die Idee mit den Pfannkuchen?«

Heilmann versuchte, Werbung für Olympia zu machen. Ausgerechnet in Kreuzberg. »Jetzt lassen Sie mich doch mal ausreden!«, sagte er. »Kitas statt Olympia!«, riefen die Kreuzberger. Und »Noch mehr Touristen, noch höhere Mieten!« – »Olympia nach Katar!«… Die Kreuzberger kamen allmählich in Stimmung. Oben, auf der Empore, stand der Hallenmanager mit acht Polizisten, die versuchten, ein Transparent zu entfernen, das der Galerist dort aufgespannt hatte. Darauf stand: »Mit Pfannkuchen kann man keine Miete bezahlen.«

Der Herr D. verzichtete auf den Berliner und ging zum Spanier. Auch dort drehte sich alles um die Pfannkuchen. »14 Stück ist er losgeworden!«, sagte einer. »Von 300!«, sagte ein anderer. »Vielleicht dürfen die Knas-tis die restlichen 286 jetzt wenigstens selber essen!« - »Ich verstehe das Ganze nicht. Da machen die 300.000 Euro locker, um Stimmen für Olympia zu gewinnen. Aber die brauchen unsere Stimmen doch gar nicht.« - »Die haben Angst vor einem nächsten Volksbegehren. Nach der Pleite von Tempelhof.« - »Quatsch, Werbung machen, das ist ganz einfach sein Job. Der war doch mal bei Scholz & Friend.« – »Und deshalb glaubt er jetzt, ausgerechnet in Kreuzberg Werbung für Olympia machen zu können?« Der Abend wurde lustig, niemand nahm Heilmann ernst. Und Olympia, da waren sich alle in der Halle einig, hatte in Kreuzberg keine Chance. •

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