Kreuzberger Chronik
März 2014 - Ausgabe 156

Herr D.

Der Herr D. und die Blonde


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von Hans W. Korfmann

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Die Zuwanderer aus Oberursel
Der Herr D. stand an der Kasse eines dieser Selbstbedienungscafés, die es jetzt auch in Kreuzberg gab. Vor ihm in der Schlange stand eine junge Frau mit einer Tasse Kaffee. Als der Herr D. nach dem Milchkännchen griff, berührte er ihren Ellbogen. Der Kaffee in ihrer Tasse schwappte wie die See bei Windstärke 10. »Oh, entschuldigen Sie...«, sagte der Herr D., aber die Frau zeigte keine Reaktion außer einem abschätzenden Blick.

»Ich nehm das wieder zurück!«, sagte der Herr D., der allmählich genug hatte von diesen arroganten Zuwanderern aus Augsburg oder Oberursel, die alle so taten, als gehöre ihnen Berlin. Die Frau blieb stumm. »Ich meine die Entschuldigung«, sagte der Herr D., aber die Oberurselerin starrte weiter auf ihre Tasse. Der Herr D. fragte sich, ob sie immer noch nicht verstanden hatte, und präzisierte: »Ich meine die Entschuldigung, ich nehme die Entschuldigung wieder zurück!«

Da geschah etwas Unerwartetes: Die Oberurselerin formte ihre rot geschminkten Lippen zu einem Lächeln und sagte: »Kommen Sie mich doch mal besuchen! Großbeerenstraße 90. Zweiter Stock!«

Tagelang grübelte der Herr D. darüber nach, ob sie tatsächlich geglaubt hatte, die Berührung ihres Ellenbogens sei der Versuch einer Kontaktaufnahme gewesen. So lange grübelte er, bis er eines Tages tatsächlich vor dem Großbeerenkeller stand, dieser alten Berliner Künstlerkneipe, die schließen musste, weil ein Immobilienhändler das ganze Haus mit der Nummer 90 gekauft hatte. Alles sah vollkommen verlassen aus, im Hof fiel der Putz von den Wänden, die alten Laternen an den Mauern leuchteten nicht mehr. Da kam der Postbote durch das Tor. »Wohnt hier noch jemand?«, fragte der Herr D. »Im 2. Stock sitzt einer vorm Computer. Son Büro. Nichts Spannendes, würd ich sagen.«

Der Herr D. stieg die knarrenden Stufen hinauf, die Tür stand offen, er klopfte. »Ja bitte!«

Es war die Stimme eines breiten Mannes, der wie ein Türsteher neben der Tür stand und seine Arme über der Brust verschränkte.

»Ich suche eine junge Frau!«, sagte der Herr D. »Blond. Sie muss hier irgendwo wohnen! Sie gab mir ihre Adresse.«

»Hier wohnt keine junge Frau mehr!«, sagte der Blonde, der neben dem Bodyguard wie ein Zwerg aussah. »Sind Sie sicher?«, fragte der Herr D. »Ganz sicher!«, sagte der Blonde. »Ich bin der Hausbesitzer. Ich habe das hier gekauft. Und wenn Sie die Wirtin vom Großbeerenkeller meinen: Die ist tot.«

Der Bodyguard sagte nichts. Er beobachtete seinen Freund. Der Herr D. hatte das Gefühl, dass er nur auf ein Zeichen wartete. Dass er nur so lange still hielt, wie auch sein Blonder freundlich blieb.

Der Herr D. hatte langsam genug von all diesen Zuwanderern, die glaubten, Berlin gehöre ihnen. »Naja, dann geh ich mal wieder!«, sagte er, und der Bodyguard wich einen winzigen Schritt zur Seite, um den Herrn D. zurück in die Freiheit zu entlassen. •


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