Kreuzberger Chronik
Dez. 2014/Jan. 2015 - Ausgabe 165

Herr D.

Der Herr D. und die Ziegen


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von Hans W. Korfmann

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Weshalb der Herr D. einen Brief neu schreiben muss

Der Herr D. wollte Kaffee trinken. Da las er, dass die Ziegen vom Kreuzberg deportiert wurden. Das ärgerte ihn. Zuerst, Ende der 90er Jahre, waren die Kinder verschwunden, die in der Villa am Park ihre Freizeit verbringen konnten. Nun zog ein Restaurant ein. Nachdem man die Kinder vertrieben hatte, verschwanden auch der Kakadu, der Waschbär und die anderen Tiere. Nur die Ziegen sollten bleiben. Für die Kinder. Nun waren sie weg.

Der Herr D. las, dass man sie im Schutz der Dunkelheit abtransportiert hatte. Weil das Restaurant den Platz für eine Skulpturenausstellung benötige. Weil sich zwischen Skulpturen leichter zusätzliche Tische aufstellen ließen als zwischen Ziegen. Weil man Geld verdienen wollte. Weil das Tomasa keine soziale Einrichtung war.

Der Herr D. ging nicht ins Tomasa Kaffeetrinken. Er setzte sich an den Schreibtisch und schrieb einen Brief: Sehr geehrter Herr Panhoff, ich hätte Sie beinahe schon als Arschloch bezeichnet. Aber ich bin der Überzeugung, dass diese Vokabel Ihnen nicht gerecht wird. Sie sind im Grunde ein ganz normaler, moderner Politiker.

Sie machen ganz normale Politik. Sie umgehen die Bedürfnisse Ihrer Wähler und ignorieren den Auftrag, den Sie von ihnen erhalten haben. Um durchzusetzen, was Ihre Parteigenossen für sinnvoll halten, verhandeln Sie am liebsten hinter verschlossenen Türen und unter dem Ausschluss der Öffentlichkeit. Ein Mitspracherecht Andersdenkender wird nach Möglichkeit ausgeschlossen. Nach diesem Prinzip handelte der Bürgermeister von Berlin, als er die Pläne für eine Bebauung des Tempelhofer Feldes nicht auf den Tisch legte; Nach diesem Prinzip handelte der Bürgermeister von Neukölln, der an einem regnerischen Wochenende trotz vehementer Proteste seiner Wähler den hölzernen Steg am Kielufer abreißen ließ; nach diesem Prinzip handelt der Kreuzberger Stadtrat, wenn ihm vier Ziegen im Weg sind.

Sehr geehrter Herr Panhoff, Sie werden vielleicht schmunzeln über die aufgebrachten Kreuzberger Tierfreunde. Aber wahrscheinlich wissen auch Sie, dass es nicht um vier Ziegen geht, die aus einem Park verschwinden. Es geht auch nicht um fünf Tische, die ein Restaurant aufstellen möchte. Es geht darum, wie heute Politik gemacht wird. Wie wenig die Belange der Bürger heute noch wert sind.

Der Herr D. packte seinen Ärger in einen Umschlag, klebte eine Briefmarke darauf und glaubte, die Sache los zu sein. Doch während er fein säuberlich die Adresse auf den Umschlag schrieb: Herrn Panhoff, Bezirksamt Kreuzberg, Abteilung Planen, Bauen, Umwelt und Immobilien, während er nachdenklich diese Worte schrieb: Umwelt, Immobilien, Planen, Bauen, da wurde ihm klar: Man hatte den Bock zum Gärtner gemacht. Man hatte alles in eine Abteilung gepackt, den Schutz von Umwelt und Natur demselben Mann überantwortet, der andererseits Kreuzberg bebauen sollte. Der Herr D. zerriss den Umschlag und begann einen neuen Brief zu schreiben. •


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