Kreuzberger Chronik
Oktober 2013 - Ausgabe 152

Herr D.

Der Herr D. und der Überfall


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von Hans W. Korfmann

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Warum der Herr D. zu lügen beschloss

Der Herr D. hatte verschlafen. Ohne zu frühstücken, ohne sich zu rasieren, schwang er sich auf sein altes Fahrrad, um nicht zu spät zum Arzt zu sein. Die Ärzte hatten ja heute nur noch wenig Zeit für ihre Kranken, und sie wurden regelrecht bösartig, wenn ihre Kunden nicht pünktlich waren.

Als der Herr D. sich vor der roten Ampel bei der Markthalle in die Fahrradspur einreihte, die in der Mitte der Fahrbahn durch ein großes Fahrrad auf dem Asphalt gekennzeichnet war, sah er, wie ein Polizist auf ihn zukam und mit dem Finger auf ihn deutete. Der Herr D. glaubte, er deute auf einen der Radfahrer, die vor ihm auf Grün warteten. Dann glaubte er, der Polizist meine einen der Radfahrer hinter ihm. Aber der ausgestreckte Finger deutete noch immer genau zwischen die Augen des Herrn D.

Der Herr D. erinnerte sich an den Western, den er am Abend gesehen hatte: Als der Ganove den vor ihm stehenden Männern der Reihe nach in die Augen blickte und dann auf den zweiten von rechts deutete, war klar, dass dieser gleich am Galgen baumeln würde. Der Herr D. hoffte, dass der unablässige Fingerzeig des Beamten vielleicht doch ein Irrtum sei.

»He, Sie da, genau Sie meine ich!«, sagte der Polizist in seiner schwarzen Uniform.

Der Uniformierte deutete weiterhin unmissverständlich auf die Stirn des Herrn D. »Sie sind bei Rot über die Ampel gefahren.« Der Herr D. war erleichtert. Er hatte niemanden erschossen, niemanden vergewaltigt. Er hatte lediglich eine Ampel übersehen. Dennoch war er gleich von mehreren Polizisten umstellt.

»Ihren Ausweis bitte.«

»Habe ich nicht dabei!«

»Dann haben wir jetzt ein Problem!«

Der Herr D. mochte die Polizei nicht. Sie machten immer gleich ernst. Sie erschossen unschuldige Leute. Verfolgten Fahrradfahrer, obwohl es die Autofahrer waren, die ständig die Fahrradfahrer totfuhren. Sie standen immer genau da, wo sie abkassieren konnten. Nie da, wo es wirklich gefährlich wurde. Der Herr D. erinnerte sich daran, wie die schwarz maskierten Wegelagerer auf den Zug nach Santa Fee sprangen und den Fahrgästen sämtlichen Schmuck abnahmen.

Der Polizist mit dem grimmigen Blick faselte etwas von »Dienstvorschriften« und sagte: »Sie kommen jetzt mit!«

Es war schwiergig gewesen, sich aus den Klauen des Gesetzesvertreters zu befreien. Aber es gelang dem Herrn D., den Polizisten davon zu überzeugen, dass er tatsächlichg der Herr D. sei und gleich hier in der Nummer 23 wohne. Als der Herr D. zwei Wochen später eine Rechnung über 78 Euro im Briefkasten fand, bereute er, seine Anschrift verraten zu haben, und beschloss, künftig doch lieber die Unwahrheit zu sagen. •


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