Kreuzberger Chronik
November 2013 - Ausgabe 153

Herr D.

Der Herr D. sucht eine Ausstellung


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von Hans W. Korfmann

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Der Herr D. hörte selten Radio, seitdem schon morgens auf allen Sendern gut gelaunte Moderatorenpärchen schlechte Witze machten. Aber da er wissen wollte, wie viele Menschen zur Wahl gegangen waren, machte er eine Ausnahme. Er war enttäuscht, als er hörte, dass die Neinsager und Nichtwähler unter die 60%-Marke gerutscht waren und wollte sein altes Kofferradio gerade ausschalten, da hörte er, dass die neuesten Bebauungspläne des Senats für das Tempelhofer Feld in einer Ausstellung im alten Flughafengebäude gezeigt würden. Einen ganzen Monat lang. »Na, das ist doch mal ein Ansatz von Demokratie.«, dachte der Herr D. Vielleicht würde er in vier Jahren doch wieder zur Wahl gehen.

Also radelte er zum Tempelhofer Feld. Vergeblich suchte er an den beiden Eingängen am Columbiadamm nach einem Hinweis. Am Haupteingang aber waren wahre Menschenmassen unterwegs. So viel Engagement hatte der Herr D. in seinen schönsten Träumen nicht erwartet. Erst, als er die Fahnen eines bayerischen Automobilherstellers an den Masten wehen sah, verstand er, dass sich die Masse nicht für die Wiese, sondern für Sportwagen interessierte.

Er fragte einen Ordner mit Binde am Arm nach der Ausstellung. Vergeblich. Auch die Dame am Infoschalter in der Abfertigungshalle wusste nur, wo es zu BMW ging. »Aber warten Sie mal, mein Kollege hier...« - »Im Hangar Zwo«, sagte der Kollege. Aber der Hangar 2 war leer, kein Mensch war zu sehen, die Tür verschlossen.

»Wissen Sie vielleicht, wo diese Ausstellung ist?«, fragte der Herr D. die Frau im Info-Container an der Rollbahn. »Die ist da hinten, am Tempelhofer Damm, in dem niedrigen Anbau.« Der Herr D. umradelte eines der größten Gebäude der Welt von Nord nach Süd. Vor der Schranke, die inmitten des Ensembles hoher Zäune eher an einen Grenzübergang erinnerte als an die »Tempelhofer Freiheit«, stand ein schwarz gekleideter Securitymann und schrie: »Haaalt, uuumdrehen, daaa gehts lang!« Der Mann deutete mit ausgestrecktem Arm in die Richtung, aus der der Herr D. gekommen war.

Nur ein bärtiger Mann, der Unterschriften gegen eine Bebauung des Feldes sammelte, wusste den Weg zur Ausstellung: »Gleich neben Tower 7, Aufgang A2, da, wo die Parkplätze sind.« Tatsächlich hing dort über einem rot-weiß-gestreiften Absperrband und einem Schild, das das Betreten verbot, ein Transparent: Ausstellung Bebauungsplanverfahren Tempelhofer Freiheit. Und tatsächlich wies einige Meter hinter dem Absperrband ein Pfeil zu einer Glastür, hinter der die umstrittenen Pläne des Senates lagerten. Leider war die Ausstellung am Wochenende geschlossen. Und auch am 3. Oktober stand der Herr D. abermals vor einer verschlossenen Tür.

Der Herr D. wurde nachdenklich. Er beschloss, auch 2017 wieder nicht zur Wahl zu gehen. So wenig Demokratie und so viel Ignoranz hatte er in seinen hässlichsten Träumen nicht für möglich gehalten. •


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