Kreuzberger Chronik
März 2013 - Ausgabe 145

Herr D.

Der Herr D. verreist


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von Hans W. Korfmann

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Von Münchnerinnen und Berlinerinnen

Der Herr D. rief auf seiner Arbeitsstelle an und fragte um Sonderurlaub an. Frank rief persönlich zurück. Frank war der Chef, und der Chef hatte etwas gut zu machen beim Herrn D., seit er ihn vor zwei Jahren kurzerhand entlassen hatte. Auch wenn er ihn dann als Hausmeister wieder engagiert hatte.

Dann ging der Herr D. zu dem neuen Reisebüro in der Bergmannstraße. Reisebüros hatte es in Kreuzberg schon immer gegeben. Kaum ein Volk war reiselustiger als die eingeschlossenen Kreuzberger, von denen früher jeder Zweite den Winter auf La Gomera oder in Indien verbrachte. Die Kreuzberger Reisebüros waren spezialisiert auf ausgefallene Reiseziele und günstigste Flugtickets mit den skurrilsten Fluggesellschaften. Pauschalreisen ließen sich hier nicht verkaufen.

Das neue Büro in der Bergmannstraße aber warb mit Bildschirmen, auf denen Affen, Giraffen, Voodootänzer und nackte Eingeborene zu sehen waren. Es lockte mit Afrika, Asien und Inselhopping auf den Fidschiinseln ab 1.599; Es pries Rom, London, Paris und Barcelona, aber nicht Athen, nicht Kreta, nicht die Südküste.

»Guten Tag, was kann ich für Sie tun?«, strahlte ihn die Reiseverkäuferin an. Kaum hatte er Platz genommen, kam die zweite Frage:

»Wohin solls denn gehen?«

»Kreta!«, sagte der Herr D.

»Wann?« fragte die Blonde, die den Blick wieder auf ihren Bildschirm gerichtet hatte und ebenso gut hinter dem Tresen einer Zahnarztpraxis hätte sitzen können.

»Jetzt gleich!«, sagte der Herr D.

Die Blonde sah zum zweiten Mal zu dem Herrn D. auf. Dann sagte sie: »Gleich heute Nachmittag oder geht auch morgen früh?«

»Eine Berlinerin!«, murmelte der Herr D. vor sich hin. Die waren so clever gewesen, keine nette Münchnerin, sondern eine freche, rabenschwarze, aber blondierte und billige Berlinerin einzustellen.

»Es kann auch übermorgen sein«, sagte kleinlaut der Herr D.

»Eine Woche, zwei Wochen...?« fragte die Blonde.

» Sechs Monate!«

Die Blonde sah zum 3. Mal auf.

»Kreta? Sechs Monate? Wo die doch Pleite sind. Die schalten doch schon die Klimaanlagen ab, weil sie den Strom nicht mehr zahlen können! Wollen Sie nicht lieber auf die Malediven...«

Die Blonde spulte ihr komplettes Programm ab. Sie erinnerte den Herrn D. jetzt weniger an eine Zahnarzthelferin als an eine Immobilienmaklerin, die einem Kunden statt einer Zweizimmerwohnung ein Schloss zu verkaufen versuchte.

Wenig später saß der Herr D. bei seinem Herrn Rosenke in der Gneisenaustraße. Der Herr Rosenke erzählte ihm zuerst ein paar Geschichten aus dem Leben, und dann verkaufte er ihm zwei Flüge nach Kreta. Wenige Tage später reiste der Herr D. ab. •

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