Kreuzberger Chronik
Februar 2013 - Ausgabe 144

Herr D.

Der Herr d. beim Zahnarzt


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Autor unbekannt

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oderWie schwer das Nichtstun sein kann

Der Herr D. hatte als neuer Hausmeister des Auswärtigen lange genug tropfende Wasserhähne repariert, Mülltonnen zurechtgerückt, den Hof aufgeräumt, um sich noch schämen zu können, wenn er im Blaumann seinen alten Kollegen in ihren Anzügen begegnete. Längst warf er ihnen mitleidige Blicke zu. Und während die Kollegen noch immer voller Übereifer an die Arbeit gingen, war der Herr D. nach den vielen Monaten eines erfolgreichen Frührentnerdaseins schon bald über jede Abwechslung und Pause in seinem Arbeitsleben so erfreut, als wäre Weihnachten. Selbst, wenn diese kleine Unterbrechung des Alltags aus einem Zahnarzttermin mit Wurzelbehandlung bestand.

Dementsprechend gut gelaunt trat er vor die Rezeption der Zahnarztpraxis, verschränkte die Arme auf der Theke, beugte sich lächelnd zu der Blonden herunter, die gerade Buchstaben und Zahlen in einen Kalender eintrug, und sagte: »Guten Morgen, ich habe einen Termin um 8.20 Uhr bei Herrn Dr. Bernhard.«

Die Blonde hatte keinen Zahnarzttermin. Die Blonde war mitten drin im Alltag und sah nicht einmal auf zum Herrn D., sondern trug fleißig weiter Termine ein. Der Herr D. mochte keine blonden Tresenkräfte. Der Herr D. liebte dunkle Frisuren. »Kennen Sie den Witz mit der Blondine im Kreisverkehr?«, fragte der Herr D. Das half. Die Rezeptionskraft blätterte etwa 20 Blätter zurück, bis sie wieder in der Gegenwart angekommen war, und fragte, ohne einmal aufgeschaut zu haben: »Wie war noch mal Ihr Name?«

»D!«, sagte der Herr D., »8.20, Bernhard.« Die Blondine suchte und suchte, dann verkündete sie: »Hier ist kein Herr D. Vielleicht Montag nächste Woche?« Schon wollte der Herr D. seinen Witz mit dem Mathematikwettbewerb der Blondinen erzählen, da hatte die blonde Tresenkraft den Herrn D. doch noch ausfindig gemacht. »Nächste Woche, Montag, 8.20. Sie sind exakt 168 Stunden zu früh.«

Der Herr D. war verwirrt. Er stand draußen auf der Straße und wusste nicht, wohin. Er, der Frührentner, der so lange das Nichtstun geübt hatte, wusste nicht mehr, was er mit einem unverhofft freien Tag anfangen sollte.

Um halb zehn betrat der Herr D. ein Café. An den Tischen saßen Männer, die offensichtlich nichts anderes zu tun hatten, als Zeitung zu lesen, und Frauen, die sich trafen, um frühmorgens Eheprobleme zu diskutieren. All diese Caféhausbesucher sahen aus, als hätten sie eine Unmenge an Zeit. Und da die Sonne schien, da es warm war, und da die Frau hinter dem Tresen dunkle Haare hatte und lächelte, erzählte ihr der Herr D. von seinem Unglück mit der vielen freien Zeit. Da sagte die schwarzhaarige Kellnerin: »Sie brauchen Urlaub. Danach wissen Sie wieder, was man mit diesen arbeitsfreien Tagen anfängt.«

Wenig später saß der Herr D. in einem Reisebüro und überlegte, wohin er wohl fliegen könnte. •


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