Kreuzberger Chronik
Dez. 2013/Jan. 2014 - Ausgabe 154

Herr D.

Der Herr D. sucht seinen Frieden


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von Hans W. Korfmann

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Der Herr D. hatte nicht viel Verständnis für vom Verfolgungswahn geplagte Kreuzberger, die überall Verschwörungen witterten. Aber er musste zugeben, dass sie oft Recht behielten, dass aus der Brauerei am Kreuzberg wirklich eine eingezäunte Wohnanlage für Eigenheimbesitzer geworden war, und dass die Hälfte der Kreuzberger Häuser jetzt tatsächlich Bayern, Türken, Israelis oder Dänen gehörten. Nachdenklich dachte der Herr D. daran, wie er noch geschmunzelt hatte, als der langhaarige Gunther und seine kurzhaarige Frau alle Mieter zur Hausversammlung einluden, um sie vor dem Ansturm ausländischer Investoren zu warnen. Inzwischen hatten die Investoren die Hauswände isoliert, die Fassade mit barocken Putten bemalt, einen Teppich im Flur ausgerollt und verchromte Klingelschilder angebracht. Bauarbeiter kamen und gingen, Makler kamen und gingen. Nur der Herr D. ging nicht. Vier Jahre lang. Dann ging er doch.

Er fand eine Wohnung am Luisenstädtischen Friedhof. Morgens sangen die Vögel in der Kastanie, man hörte einen Wasserkessel pfeifen, eine Mutter schimpfte mit ihrem Kind. Es war eine leise Idylle, mitten in der lauten Stadt. Doch eines Morgens erwachte der Herr D. von lautem Brummen. Zuerst dachte er an den Flughafen, dann an den Rettungshubschrauber. Doch das Brummen nahm kein Ende. Als er das Fenster öffnete, sah er einen Mann mit orangefarbenen Ohrschützern auf einem Traktor das Gras von den Gräbern mähen.

Der Herr D. glaubte, auf einer Baustelle zu wohnen, nicht am Friedhof. Er schnürte die Schuhe, wollte fragen, wie lange das noch so weiterginge, aber die Gärtner hörten ihn nicht. Sie trugen dicke Ohrschützer oder saßen in hermetisch verriegelten Cockpits. Die Hecken wurden nicht mehr mit Scheren, sondern mit Maschinen geschnitten, Bäume mit Sägen gefällt, die kanadische Baumfäller neidisch gemacht hätten. Das Laub wurde nicht mehr mit leisen Rechen, sondern mit einem lauten Gebläse zusammengetrieben, und anschließend von einer Art Mähdrescher aufgesaugt. Der neue Fuhrpark der Kirche war geeignet, um die endlosen Monokulturen der USA zu bewirtschaften.

Tagtäglich waren die neuen Maschinen im Einsatz. Es wunderte den Herrn D., dass sie nicht auch nächtens mit Scheinwerfern zwischen den Gräbern kreisten, um auch noch die allerletzten Gänseblümchenstängel 5 Millimeter über dem Erdboden abzurasieren. Am Ende traf er doch noch einen Gärtner mit Handschuhen, Schippe und Gummistiefeln. »Was ist denn das für ein Lärm hier?«, fragte der Herr D. »Ich bin hier nur zur Aushilfe«, sagte der Gärtner.

Frieden auf dem Friedhof gab es jetzt nur noch an den Wochenenden. Und die Vögel waren ganz ausgeflogen. Auch die junge Frau mit den hübschen Knien, die manchmal auf einer kleinen Bank in der Sonne gesessen hatte, war nicht mehr da. Aber vielleicht würden sie ja im Sommer wiederkommen, die Vögel, und die schöne Frau. •


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