Kreuzberger Chronik
September 2011 - Ausgabe 130

Herr D.

Der Herr D. und die Polen


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von Hans W. Korfmann

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Der Herr D. hielt sich für einen Kosmopoliten. Er mochte Polenwitze ebenso wenig wie Schottenwitze. Das änderte sich auch nicht, als eines Tages ein fein gekleideter Herr bei der Nachbarin vor der Tür stand, flankiert von zwei schlecht gekleideten, aber kräftigen Herren. Die Nachbarin dagegen war eher ein zartes Hälmchen, kaum breit genug, dass sich die kleine Tochter hinter ihr hätte verstecken können. Aber sie hatte die Türschwelle verteidigt, bis der Herr D. eintraf. Sie sagte: »Gott sei Dank.«

Der Mann im Anzug, der ihre Wohnung ansehen wollte, gab sich als der neue Besitzer des Hauses aus und versäumte nicht, hinzuzufügen, dass er aus Israel käme – mit einem Blick, der sogar in dem Herrn D. ein uraltes Schuldbewusstsein hervorrief.

Damit hatte es angefangen. Inzwischen war allen Bewohnern mehrmals mit der Kündigung gedroht worden, mehrmals fiel die Heizung aus, blieb der Fahrstuhl stehen, wurden notwendige Reparaturen nicht mehr durchgeführt. Die Haustür ließ sich nicht mehr absperren, und ab und zu kam eine verlogene Maklerin mit Interessenten vorbei.

Jetzt waren zwei Baubrigaden eingezogen, um das Haus zum »Palais« umzubauen. »Wie finden Sie das eigentlich«, fragte der Schulz den Herrn D. im Treppenhaus, »wenn die hier zu acht in drei Zimmern wohnen?« – »Naja, solang sie keine lauten Partys feiern… Wir haben nach dem Krieg auch zu zehnt in einer Wohnung gehaust.« Schulz sah den Herrn D. ungläubig an. »Wir sind aber nicht mehr im Krieg, wir sind auch nicht in Polen, wir sind in Deutschland, das ist doch menschenunwürdig, wie die da hausen.« – »Naja,« sagte der Herr D., »ich weiß ja nicht, wie es denen da drüben in Polen geht…« – »Sie haben doch ein Rad ab, Herr D.,» sagte Schulz.

Drei Tage später klingelt es. Schulz sagte, er solle mal mit runterkommen und sich das ansehen. In der Wohnung der alten Dame, die unter der polnischen WG wohnte, war das halbe Haus versammelt. Zwei Polizisten waren auch da. Und zwei ziemlich kleine Polen. Der Herr D. war bekanntlich kein großer Freund von Polizisten, aber für den Dicken, der sich jetzt aufplusterte und das Wort ergriff, empfand er Sympathie: »Sie holen jetzt einen Eimer Wasser und einen Lappen, und dann machen Sie das Fenster wieder sauber!«, sagte er zu den Polen. Wenig später sah man die Arbeiter, die das Fenster von dem Urin und der bräunlichen Soße reinigten, die von der polnischen Brigade nächtens aus dem Fenster geschüttet wurden, da ihnen wegen eines Wasserschadens die Benutzung von Bad und Toilette untersagt worden war.

»Nicht einmal fließendes Wasser haben die! Alles abgestellt!«, triumphierte Schulz. »Das zapfen die sich aus der Heizung ab. So sind sie, unsere israelischen Freunde, geizig und profitsüchtig.« Schulz machte auf dem Absatz kehrt, und der Herr D. hatte keine Chance mehr, dem Hausmeister noch irgendetwas zu dessen Political Uncorrectness mit auf den Weg zu geben. •


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