Kreuzberger Chronik
November 2011 - Ausgabe 132

Herr D.

Der Herr D. und der Herr W.


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von Hans W. Korfmann

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Der Herr D. traute seinen Augen nicht. Seit Jahren hatte er auf diese Gelegenheit gewartet. Der einzige Grund, weshalb er überhaupt noch zu dieser verqualmten Currybude ging, war die Hoffnung, ihm endlich einmal zu begegnen. Aber dass er ihm ausgerechnet heute, an einem dieser kalten und regnerischen Donnerstage im Oktober begegnen würde, wo der Herr D. eigentlich nur aus der Wohnung geflüchtet war, weil die Immobilienhändler wieder einmal die Heizung abgestellt hatten, damit auch die letzten fünf Mieter noch auszogen, und wo er an nichts anderes mehr denken konnte als an eine dampfende, heiße Currywurst – dass er ihm ausgerechnet an diesem Tag begegnen würde, damit hatte er tatsächlich nicht gerechnet.

Zuerst fielen ihm der Rücken im feinen Jackett und der korrekte Bubikopfhaarschnitt auf, der irgendwie nicht an die Currybude passte. Dann sah er, wie der Gesuchte den Kopf ein wenig zur Seite wandte und wie er die Currywurst einführte. Da war dem Herrn D. klar, dass es sich tatsächlich um den Gesuchten handelte.

Der Herr D. wusste, wie er sich benehmen musste, damit ihn die Muskelmänner am Nebentisch nicht unsanft am Ärmel zogen. »Herr W., entschuldigen Sie, wenn ich Sie bei der Curry störe, ich weiß, wie gut die ist, ich bin ja auch jeden zweiten Tag hier.« Der Herr W. hätte wie gewöhnlich lächeln können. Aber der Herr W. war gerade mit Kauen beschäftigt. Also warf der Herr D. einen fragenden Blick auf die Bodyguards, deren skeptische Mienen ihm allerdings wenig Hoffnung machten. Dennoch nahm er allen Mut zusammen und sagte:

»Ich störe wirklich ungern, aber ich warte seit acht Jahren auf die Gelegenheit, Ihnen eine Frage zu stellen, Herr W. Ich bin vor zwölf Jahren aus Bonn nach Berlin gekommen, und ich bin ganz begeistert von dieser Stadt. Aber ich möchte Ihnen unbedingt eine Frage stellen, darf ich?«

Der Herr W. war gerade dabei, die erste Stufe der Verdauung der Currywurst abzuschließen, nahm die Serviette und wischte sich die rote Soße aus den Mundwinkeln, wobei er den Herrn D. nun endlich wie gewohnt anlächelte. Erleichtert lächelte der Herr D. zurück und wollte schon die Frage stellen, da zog ihn tatsächlich jemand am Ärmel. Der Herr D. sah in ein ernstes, ausdrucksloses Gesicht, das ihn irgendwie an Schwarzenegger erinnerte.

»Ach, nun lasst ihn doch, wenn er eine Frage hat!«, sagte der Bürgermeister. Der Herr D. spürte, wie der Zug am Ärmel nachließ, und holte tief Luft. Weniger aus Erleichterung darüber, dem Kinnhaken aus dem Weg gegangen zu sein, sondern eher, um noch ein bisschen Luft zu holen für diese Frage, die er schon so lange mit sich herumtrug, und die ihm einfach keine Ruhe mehr gelassen hatte: »Schämen Sie sich eigentlich nicht?« •


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