Kreuzberger Chronik
Juli 2011 - Ausgabe 129

Herr D.

Der Herr D. und die Kinderfänger


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von Hans W. Korfmann

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Eigentlich hatte der Herr D. diesen Supermarkt nie gemocht. Mit Wehmut dachte er an die alte Penny-Filiale im Hinterhof der Bergmannstraße zurück, in der sich Penner, Punker, Künstler und Professoren mit den Angestellten unterhielten, als wären sie eine große Familie. Dieser Pennymarkt sah nur aus wie ein Supermarkt, in Wirklichkeit war er ein kleines, aber äußerst erfolgreiches Improvisationstheater.

Wie anders waren dagegen die Rewe-Verkäuferinnen mit ihrer 70er-Jahre-Frisur und ihrem säuerlichen Rentnerlächeln. Nicht einmal der Gedanke, dass Supermärkte nicht unbedingt der seelischen Erbauung, sondern lediglich der Versorgung mit Grundnahrungsmitteln dienten, vermochte ihn zu trösten.

Wenn der Herr D. an der Kasse stand und ihn die Blonden, die ihn auch nach zehn Jahren der Treue nicht wiedererkannten, zum 150. Mal fragten, ob er Treueherzchen sammele, dann schüttelte er nur noch traurig den Kopf. Als sie ihn aber kürzlich fragten, ob er Sticker sammle, da fiel ihm die Tochter der Nachbarin ein, die er kürzlich auf der Straße mit den kleinen grünen Tütchen der Klebebilder gesehen hatte. Zum ersten Mal sagte er »Ja«. Die Verkäuferin stutzte kurz, dann händigte sie ihm einen ganzen Stapel kleiner grüner Tütchen aus.

Das Mädchen strahlte und erzählte, dass es auch schon zweimal so viele Tütchen bekommen hatte, und die Mutter berichtete, dass das Kind sogar Taschengeld gesammelt habe, um sich das Sammelalbum zu kaufen. Na gut, dachte sich der Herr D., da hat dieser Supermarkt ja mal eine nette Idee gehabt.

Wenige Tage später traf er das Mädchen im Treppenhaus wieder. Sie schlurfte mit gesenktem Kopf die Treppen hinauf und hatte eine kleine grüne Tüte in der Hand. »Was ist los?«, fragte der Herr D.

»Es gibt keine Bilder mehr. Immer nur noch eine Tüte.«

Wenig später stand der Herr D. im Supermarkt. Die Verkäuferin fragte: »Sammeln Sie Treueherzchen?« – »Nein, Sticker!«, sagte der Herr D. Die Verkäuferin gab ihm ein Tütchen. »Das letzte Mal haben Sie mir zehn gegeben!« – »Wir haben Anweisung erhalten, uns streng an die Abmachung zu halten. Ab zehn Euro Einkauf ein Sticker.«

Der Herr D. spürte, wie Wut in ihm aufstieg. Er überlegte, was die schlecht bezahlte Verkäuferin mit dieser hinterhältigen Strategie des Lebensmittelkonzerns zu tun hatte, aber dann sagte er es doch: »Sie sollten sich schämen! Erst locken Sie die Kinder mit kleinen Geschenken, bis die ihr ganzes Taschengeld zusammenkratzen und verkaufen das blöde Album für 5 Euro –was vollkommen überteuert ist – und dann geben Sie ihnen keine Bildchen mehr! Da war mir die Hexe bei Hänsel und Gretel noch sympathischer!«

Die Verkäuferin sah ihn mit ihrem säuerlichen Lächeln an und fragte, ob er vielleicht ein Treueherzchen wolle.•

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