Kreuzberger Chronik
Februar 2011 - Ausgabe 124

Herr D.

Der Herr D, die Bank und die Kartoffeln


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von Hans W. Korfmann

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oder: Wie dieses Jahr doch noch gut begann


Der Herr D. wollte Kartoffeln kaufen, aber ihm fehlte das Geld. Also ging er zur Bank. Vor den Geldschaltern warteten die Menschen, von einem riesigen Fernseher aus verstrahlten niederschmetternde Wetterberichte und elende Börsendaten die Atmosphäre.

Der Herr D. legte seine Karte auf den Tisch: »Die habe ich kürzlich sperren lassen, weil ich glaubte, sie verloren zu haben«. Die Blonde sah ihn schweigend an. Der Herr D. legte seinen Personalausweis daneben. Die Blonde verglich sein Gesicht mit dem Foto, aber sie gab ihm kein Geld. »Moment«, sagte der Herr D, »Ich habe meine Karte, meinen Ausweis, stehe leibhaftig vor Ihnen, und Sie wollen mir kein Geld geben?«

»Ich kann Ihnen kein Geld geben!«, sagte die Blonde vom Marheinekeplatz und sah ihn strafend an.

»Dann kündige ich! Das wollte ich sowieso. Ich habe doch nicht vor zehn Jahren bei der Deutschen Bank gekündigt, um am Ende wieder bei Ackermann zu landen, weil Sie sich einfach kaufen lassen...«

»Sie können nur schriftlich kündigen – bei der Zentrale... Das Geld überweisen wir dann auf Ihr neues Konto...«

Der Herr D. ging ohne Kartoffeln nach Hause. Die Blonde von der neuen Bank sagte: »Ihre TAN-Nummern senden wir Ihnen dann aufs Handy zu. Sie haben doch ein Handy...?«

»Ich hätte die Nummern lieber wieder auf Papier... so aufs Handy, ich weiß nicht...«

»Ich verspreche Ihnen, Sie werden keine Probleme haben...«

Weil sein Handy schon alt war, kaufte sich der Herr D. ein neues. Bei Lidl. Es sah gut aus und klingelte wunderbar. Allerdings sendete es vier Tage lang immer die gleiche TAN-Nummer. Im Stundentakt.

»Ich habe ein Problem«, sagte der Herr D. zur Blonden von der neuen Bank.

»Das muss an Ihrem Handy liegen!«

Herr D. rief bei LG an. LG, wie »Life´s good«. Oder wie »Lucky Goldstar«. »Ein Produktionsfehler, sorry...«. sagte Lucky.

Der Herr D. ging zu Lidl. Als die Blonden das Handy sahen, grinsten sie. »Ist wohl nicht das erste, das zurückkommt?«, fragte der Herr D. »Doch, das ist das erste!«, logen die Blonden. Der Herr D. suchte nach der Quittung, doch er fand sie nicht mehr. »Oh«, sagten die Blonden. Da gab er die Hoffnung auf, jemals wieder echtes Geld zu sehen.

Doch dann passierte etwas Unerwartetes. Vielleicht, weil sie ein schlechtes Gewissen hatten, all diese Blonden von der Bank, von Goldstar, von Lidl. »Warten Sie mal, bis der Chef kommt.« Als der Chef das Handy sah, gab er dem Herrn D. das Geld zurück. Und der Herr D. kaufte sich Kartoffeln. •


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