Kreuzberger Chronik
Juni 2009 - Ausgabe 108

Herr D.

Herr D. und der Scheinlinke


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von Hans W. Korfmann

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oder: Wie der Herr D. am 1. Mai die Synthese von Orient und Okzident erlebte

»DIESMAL WIRD es krachen«, hatte der Graue gesagt. »Ich wette, dass am 1. Mai hundert Autos brennen!« Der andere Altlinke schüttelte den Kopf: »In Deutschland doch nicht. Die lassen sich belügen und die Arbeit wegnehmen und das Essen vom Tisch, und dann gehen sie noch freiwillig in die Gaskammern.« Der Herr D. schätzte die Gesellschaft im Heidelberger Krug, auch wenn sich das Klima am Chamissoplatz allmählich zu verändern schien, seit in dem Viertel mit den hügeligen Kopfsteinpflastern und den klassizistischen Fassaden immer mehr Eigentumswohnungen an zufriedene Mittelschichtler verkauft wurden.
Der Graue erzählte jetzt von brennenden Autos in Frankreich, aber der Genosse mit dem roten Hemd meinte: »Wenn sich unsere Hartz-IV-Empfänger einmal organisieren würden, wie sie das früher getan hätten, dann würde das die größte Mai-Demo aller Zeiten. Aber die werden sich betrinken und darüber freuen, dass es kostenlos Musik gibt«.
Als der Herr D. am 1. Mai durch Kreuzberg lief, um zu sehen, wie es stand um den Widerstand der arbeitslosen Kreuzberger, da musste er dem Rothemd recht geben. Man feierte, anstatt zu demonstrieren. Wo früher Demonstranten durchzogen, standen Bühnen für Punk-Bands und blockierten den Protestzug. In den Fenstern, aus denen mit politischen Parolen beschriebene Bettlaken wehten, standen grölende Lautsprecher. Sogar auf dem Flachdach eines Einkaufszentrums spielten Musiker und feierten Party. Früher hätte die Polizei sie mit Wasserwerfern heruntergespült.
Nur zwei Frauen hielten stoisch ein rotes Transparent in die Höhe: »Krisen abschaffen – nur mit Revolution. Alles andere ist Illusion!« Doch die Scharen der Touristen fotografierten junge Türkinnen mit bunten Kopftüchern neben kahlköpfigen Punkerinnen in zerrissenen Strumpfhosen und Springerstiefeln. Auch auf dem Grill lagen Bratwurst und Kebab friedlich vereint nebeneinander, und auf der Bühne spielte eine türkische Combo, begleitet von einem DJ, der die orientalische Folklore von Baglama und Hirtenflöte mit einem dröhnenden Technorhythmus unterlegte. Hand in Hand tanzten junge Männer in Che-Guevara-T-Shirts um die türkischen Jungfrauen mit ihren angeklebten Lidern. Herr D. war enttäuscht gewesen, doch dieses Fest von Türken und Deutschen gefiel ihm
Da traf er den Grauen. Gut gelaunt rief er ihm durch die Rauchschwaden der Kebab-Stände zu: »Manchmal bin ich stolz wie Kennedy, ein Berliner zu sein.« – »Ich hau ab«, sagte da der Altlinke. »Viel zu voll. Furchtbare Musik. Total aufgeheizt. Die Chaoten werden gleich losschlagen. Ich hab da hinten meinen Volvo!« Der Herr D. erkannte, dass der Grauzopf kein Altlinker, sondern ein Scheinlinker war. Einer von den Eigenheimbesitzern, die sich erfolgreich in den Heidelberger Krug eingeschlichen hatten. •


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