Kreuzberger Chronik
September 2008 - Ausgabe 100

Herr D.

Herr D. unter Haien


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von Hans W. Korfmann

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Vom Alter und anderen Leiden
Fluchtartig verließ der Herr D. die Wohnung. Seit tagen war im Fernsehen nur noch von Sterbehilfe die Rede. In seiner Stammkneipe dagegen war man erst bei Rheuma und Haarausfall. Und jeder wusste Rat, hatte tröstende Worte und ein Rezept parat. auch der Physiotherapeut, der dem Herrn D. seine Nummer geben wollte. »ich habe leider keinen Stift dabei!«, sagte der Herr D. »ach, die ist ganz einfach«, sagte der andere: »79976769.«

Seinem Gedächtnis misstrauend murmelte er auf dem Heimweg unentwegt die Telefonnummer vor sich hin. Ein einziger Bekannter, der seinen Weg kreuzen würde, und er hätte die vielen Neuner und Sechser alle durcheinander gebracht. Da sah er das rote Schild der Haifischbar, rechts und links davon zwei zähnefletschende Raubtiere. in erwartung barbusiger Bardamen und tätowierter Seemänner betrat der Herr D. das Nachtlokal.

Doch selbst die Haifischbar aus dem Fernsehen, die in den 60er Jahren Kultstatus besaß, war anrüchiger als die Bar in der Kreuzberger Arndtstraße. Weder Fischernetze noch Netzstrümpfe prägten die Kulisse, die Männer waren glatt rasiert und gut frisiert und nuckelten an Strohhalmen, statt über Whiskygläsern zu hängen. Hinter dem Tresen operierte kein gestandenes Hamburger Ehepaar, sondern ein junger Barkeeper. Die einzige Reminiszenz ans Meer war eine Sturmglocke zum Einläuten der Freirunden, die es nie gab. Keine Spur mehr von gierigen Haien auf der Suche nach blondem Futter, keine sehnsüchtigen Blicke ausgehungerter Landgänger. Hier belagerte eine Gesellschaft gut aussehender Paare den Tresen und sprach von »advertising«, »exhibition«, »show-party« und »cocktail-presentation«, während eine Frau nach jedem zweiten Satz »o. k., o. k…« schnatterte, was den Referierenden anspornte, auch noch auf die Farbanordnung der Cocktails, die Länge der Strohhalme und die Form der Gläser einzugehen. Von den Ingredienzien der Erfrischungsgetränke erfuhr man nichts.

»Ein Bier und einen Stift bitte!«, sagte Herr D. und fuhr damit fort, die Telefonnummer vor sich hinzumurmeln. Schweigend schob der Kellner das Jever rüber. »Immerhin das Bier ist aus dem Norden«, versuchte Herr D. anzubändeln, doch der Keeper blieb cool. »Können Sie sich noch an den Kellner von der Haifischbar erinnern?« Der Mann in Schwarz schwieg. »Den Stift bitte!«, sagte nach weiteren drei Minuten des Schweigens der Herr D. »Immer mit der Ruhe!«, entgegnete der Kellner. Zehn Minuten später schob er einen Stift rüber, ohne den Alten eines Blickes zu würdigen.

Der hatte die Telefonnummer inzwischen vergessen. Dafür fiel ihm die 35. Sendung über Sterbehilfe wieder ein, deretwegen er das Haus fluchtartig verlassen hatte. Es gab Tage, die konnte man ersatzlos streichen. Selbst, wenn es die letzten gewesen sein sollten! •


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