Kreuzberger Chronik
Oktober 2008 - Ausgabe 101

Herr D.

Der Herr D. wird gestoppt


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von Hans W. Korfmann

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Es war so ein Tag, da stellten sich dem Herrn D. ständig Hindernisse in den Weg: Autos kamen aus Einfahrten geschossen, taumelnde Fußgänger liefen auf die Straße, Bälle, Kinder, Blinde, ferngesteuerte Spielzeugroboter, Hunde an zu langer Leine, alles auf Erden Bewegliche versammelte sich vor seinem Fahrrad.

Deshalb fuhr er, begleitet von den Protestrufen fanatischer Verteidiger der Straßenverkehrsordnung, auf dem Gehweg, als ihm plötzlich eine junge Frau mit ausgestreckten Armen entgegenkam. Herr D. glaubte, helfen zu müssen und hielt an, aber die Frau begann, von seinem Herz für Tiere zu quasseln. Am Ende reichte sie ihm einen Stift, mit dem er seine Solidarität mit den Tieren durch monatlich 15 Euro bekunden solle.

Vor der Markthalle stoppte ihn jemand, um ein Probe-Abo der »Süddeutschen« zu verkaufen, zuletzt stoppte ihn zum vierten Mal der Ökostromverkäufer. Da sah er Michael, einen passionierten Fahrradfahrer, der es im letzten Jahr von Berlin bis zum Nordkap geschafft hatte. Er hatte ein Pflaster auf der Nase.

»Was ist passiert?«, fragte der Herr D.

Michael deutete auf einen jungen Mann und eine junge Frau. Zuerst glaubte der Herr D., es seien die Naturschützer vom Mehringdamm, denn sie sprangen den Passanten mit ausgestreckten Armen entgegen, grinsten und hüpften auf ihren Turnschuhen ständig von einem Bein aufs andere.

»Die haben alle den gleichen Kurs besucht«, sagte Michael, »egal, ob sie für Telefone, Zeitungen oder die SPD werben. Immer ein Studentenpärchen, das sich miteinander unterhält wie in der Hofpause und dann wie zufällig auf einen ausgewählten Vierzigjährigen zuläuft und mit den Armen zu wirbelt. Die Nummer sieht so unprofessionell aus, dass alle lächeln.

»Ich hab nicht gelächelt!«, sagte der Herr D.
»Ich auch nicht!«, sagte Michael.
»Und das Pflaster?«
»Die sprangen mir in den Weg. Da fahr ich unfallfrei bis ans Nordkap, und dann kipp ich im Stehen um!«
»Und?«

»Erst hat er sich entschuldigt und dann hat er mich auf die Straßenverkehrsordnung aufmerksam gemacht. Dass hier kein Radweg sei und ob ich nicht auch für Amnesty unterschreiben wolle…«

Michael und der Herr D. sahen den Beiden noch eine Weile zu. »Für mich ist Amnesty gestorben. Dabei hab ich selbst mal Flyer für die verteilt, während ner Demo!«, sagte Michael. Aber eine Menschenrechtsorganisation, deren Mitarbeiter einerseits für Gerechtigkeit warben und andererseits mit billigen Tricks Mitgliedschaften verkauften, als handele es sich um Staubsauger oder Spargelschäler, erschien ihnen ziemlich unglaubwürdig. •


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