Kreuzberger Chronik
Dez. 2008/Jan. 2009 - Ausgabe 103

Herr D.

Herr D. und die Raumfahrer


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von Hans W. Korfmann

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»ACH«, SAGTE der Herr D, als ihn die hübsche Nachbarin anlächelte, »Wollen Sie mich wieder zum Konzert einladen?« – »Also, ja, eigentlich…«, begann sie, »ich habe mich wieder mal beworben und muss zu einem Vorstellungsgespräch. Und da dachte ich, Sie könnten vielleicht mit Saskia zum Laternenumzug….« – »Also doch wieder Leihopa!«, sagte der Herr D. »Die nehmen Sie doch eh nicht. Sie sind doch schon über zwanzig!«

Aber an St. Martin sah man den Herrn D. am Wasserturm zwischen lauter kleinen, singenden Gestalten. Noch auf dem Heimweg sang Saskia aus voller Kehle von Laterne, Sonne, Mond und Sterne, da blieb sie plötzlich stehen: »Schau mal, da oben brennt auch eine Laterne«. »Unsinn«, sagte der Herr D, »da gibt es keine Laternen!« – Doch als er aufblickte, sah er weit entfernt in der nächtlichen Bläue vier Lichter. Sie schienen sich in keine bestimmte Richtung zu bewegen, sondern schwankten unentschlossen am Himmel.

»Was ist das?« fragte Saskia, und da fielen dem Herrn D. die kleinen Heißluftballons vom Sommer wieder ein. »Komm mal mit!«, sagte er und zog das Mädchen die Wiese hinauf. Da standen im Schein roter Friedhofsleuchten drei Männer und sahen in den Himmel. Im Mondlicht glänzten die feinen, silbernen Schnüre ihrer Drachen. »Habt ihr Lichter an euren Drachen?«, fragte das Mädchen. Die Männer verbargen ihre Bierbüchsen hinter dem Rücken. »Darf ich auch mal?« – Einer mit langen Haaren und Schirmmütze reichte dem Mädchen seine Schnur: »Das ist der Blaue da oben.« – »Toll!«, sagte das Mädchen. »Ja!«, lachte der Mann, »Was Schöneres gibt‘s nicht auf der Welt!« – »Und die fliegen die ganze Nacht?« – »Manchmal, da fliegen sie die ganze Nacht«, nickte der Drachenflieger. »Jetzt, wo Tempelhof geschlossen ist, können uns die von der Flugsicherheit ja nicht mehr vertreiben!« Herr D. nickte.

»Und am Tag auch?«, fragte das Mädchen. »Eigentlich schon«, sagte der Mann mit der Glatze. »Auch morgens früh?« – »Nein, morgens müssen sie doch arbeiten!«, sagte der Herr D. »Ach ja, genau!«, lachte der Mann. »Da müssen wir ja arbeiten«. »Was willst du denn mal werden, wenn du groß bist?«, fragte der mit der Glatze. »Kindergärtnerin«, überlegte das Mädchen. »Oder Raumfahrerin« – »Ah ja!«, nickten die Männer. Und dann standen sie alle noch eine ganze Weile auf dem Kreuzberg und sahen den bunten Lichtern nach.

Ein paar Tage später traf der Herr D. Mutter und Tochter im Park. Die Nachbarin hatte den Job nicht bekommen. Sie waren schon zwei Schritte weiter, als sich das Mädchen noch einmal umdrehte: »Warum hat der Mann mit dem Drachen eigentlich so gelacht, als du gesagt hast, dass sie doch morgens zur Arbeit müssen?« – »Vielleicht, weil sie so eine tolle Arbeit haben.« – »Was für eine Arbeit?« – »Vielleicht bauen sie Raumschiffe«, sagte der Herr D. »Ach so«, sagte das Mädchen. •



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