Kreuzberger Chronik
März 2007 - Ausgabe 85

Herr D.

Herr D. im Untergrund


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von Hans W. Korfmann

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Eigentlich las Herr D. keine Revolverblätter. Manchmal aber warf er doch einen Blick in eine dieser Zeitungen, die das Meinungsbild in Deutschland so wesentlich mitbestimmten. Kürzlich las er gerade etwas über ein 33 Kilogramm leichtes Mannequin, als ihn die Fahrscheinkontrolle ansprach, eine schöne, aber unsympathische junge Frau in Lederjacke, die nur deshalb einen Job hatte, weil sie schamlos Ihresgleichen verriet.

Herr D. kramte sieben Taschen durch, bevor er seine Monatskarte in der achten fand. Die Kontrolle inspizierte abwechselnd das Schriftstück und das Gesicht des Tatverdächtigen, während Herr D. möglichst gelassen die Lektüre des Revolverblattes fortsetzte. Er las zuerst von einer türkischen Jugendgang, die Kreuzbergs Schulhöfe unsicher machte. Daneben hatte man die Geschichte von »Werner S.«, einem Kinderschänder, plaziert, dessen unrasierte Verbrechervisage Herrn D. schon auf der Titelseite aufgefallen war. Herr D. las mit einer Mischung aus Interesse, Amüsement und Abscheu. Endlich gab ihm die Kontrolleurin seine Fahrkarte wieder zurück.
«Haben Sie das gelesen?«, hörte er da eine Frau neben sich in einem Ton der Entrüstung. Sie redete heftig auf eine Geschlechtsgenossin mit grünweiß gestreifter Lesebrille ein: »Wenn Sie mich fragen: Sofort erschießen!« – Die Leseratte nickte. Auch sie hielt die Zeitung mit dem verschlagenen Gesicht in der Hand. Herr D. fragte sich, wie sich eine derart unappetitliche Zeitung überhaupt verkaufen ließ. Vielleicht lag es an der letzten Seite, denn man brauchte das Blatt nur zu wenden, da sah man nackte Brüste vor einem Hintergrund aus Palmen oder Meer, jeden Morgen, auf dem Weg ins Büro, zur Baustelle, in die Schächte der Untergrundbahn – immer dieses Bild vom besseren Leben …

»Schweine sind das!«, sagte die Dame und sah Herrn D. direkt zwischen die Augen. Da bremste plötzlich der Zug ab und beförderte die protestierende Dame geradewegs in die Arme des Herrn D. Hektisch befreite sie sich wieder aus der Umarmung und warf ihm einen jener strafenden Blicke zu, die Herrn D. immer an die seligen Tage mit Kindergärtnerinnen, Schuldirektoren, Pfarrern und Hausmeistern erinnerte. Herr D. beschloß, in Zukunft zur Seite zu treten, wenn Menschen strauchelten und fielen, und vertiefte sich noch ein Stück weiter in seine Zeitung. Als er nach zwei Stationen einen vorsichtigen Blick über den Zeitungsrand warf, sah er, daß alle Fahrgäste aus dem Fenster starrten. Bis auf einen. Der sah ihn an. Und dann sah der Herr D., daß alle, die so aussahen, als starrten sie ins Fenster, in Wirklichkeit im Spiegel der Scheibe ihn beobachteten.

Schüchtern und vorsichtig vergewisserte sich Herr D., daß er keine Schlafanzugjacke und keine Pantoffeln mehr trug, aber er konnte nichts Auffälliges an sich feststellen. Dennoch hatte er das Gefühl, als hätte er eine Mohrrübe in der Mitte des Gesichtes. Es war wie im Traum, er breitete die große Zeitung vor sich aus, aber auch die war ein einziger Alptraum, voller Mörder, Zuhälter, Agenten, Kinderschänder … Herr D. beschloß, das Abteil zu wechseln. Er faltete das Blatt zusammen und ging zur Tür.

Da fiel sein Blick noch einmal auf die Titelseite. Und dann sah er in der Scheibe zwischen all den Gesichtern, die ihn anstarrten, noch einmal sein eigenes. Da erst erkannte er die Ähnlichkeit. Panikartig verließ er den Untergrund.

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