Kreuzberger Chronik
September 2006 - Ausgabe 80

Herr D.

Herr D. und die Fahnen


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von Hans W. Korfmann

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In der Nacht hatte Herr D. Abkühlung in einem Biergarten gesucht. Gegen drei Uhr nachts fand er sie dann endlich auch. Am nächsten Morgen aber, der eigentlich schon kein Morgen mehr war, sondern eher ein früher Nachmittag, traf ihn die Hitze vor dem Haus wie ein Schlag. Beim Bäcker lief ihm der Schweiß aus allen Poren, als hätte er die Nacht über Brötchen backen müssen.

Als er den Bäckerladen wieder verließ und ihm zum zweiten Mal die Hitze ins Gesicht schlug, als hätte eine Ofentür sich geöffnet, begann er zu taumeln. Und als er dann die Straße hinunter und die deutschen Fähnchen aus den Fenstern hängen sah, da mußte sich der brave Herr D. tatsächlich fragen, ob er nicht vielleicht doch etwas zu viel getrunken hatte. Doch als dann ein schwarzer BMW mit offenen Fenstern, türkischer Musik und zwei schwarz-rot-goldenen Wimpeln auf dem Dach an ihm vorbeirauschte, wurde auch ihm allmählich klar, daß das kein Traum war, sondern der ganz alltägliche Wahnsinn, der das Land vor einigen Wochen heimgesucht hatte.

Begonnen hatte es an jenem Tag, als Herr D. an einem Kindergarten vorüberkam, unter dessen alten Kastanien sämtliche Kinder, egal ob schwarz, rot, gelb oder weiß, allesamt schwarz-rot-gelbe Fähnchen schwingend im Hof herumliefen und in internationaler Solidarität riefen: »Deutschland gewinnt! Deutschland gewinnt«! Wobei die Mehrzahl des deutschen Nachwuchses noch in den Windeln steckte und weder wußte, was die Deutschen da eigentlich gewinnen sollten, noch, was sie da in der Bastelstunde für drei symbolträchtige Farben auf ihre Papierfähnchen gemalt hatten. Ein bißchen komisch fand Herr D. das alles schon.

Aber als sich drei Tage später der Grauzopf, den Herr D. sowieso nicht leiden konnte, darüber erboste, daß so viele deutsche Fähnchen in seiner Markthalle wehten, gab Herr D. dem Wirt vom Imbiss recht, der nüchtern darauf hinwies, daß in Italien oder in Frankreich zehnmal mehr Wimpel wehen würden als hier. Kaum drehte der Zopf ab, spottete der Wirt: »Diese Zopfträger habe ich noch nie gemocht: Erst lange Haare wachsen lassen und dann zusammenbündeln wie Doris Day. Glaubst Du, der Langhans hätte die Obermeier gekriegt, wenn er mit nem Zopf herumgelaufen wäre!«

Doch der Zopf war nicht allein auf der Welt. Es gab noch andere, die am neuen Fensterschmuck der Republik keinen Gefallen fanden. Herrn Ds Hausmeister etwa, ansonsten eher unsensibler Natur, sah in den Fähnchen am Stiel potentielle Blitzfänger. Oder den Mechaniker vom ADAC, der meinte, man könne vor lauter bunten Wimpeln keine Ampeln mehr sehen. »Ihr seid doch Spielverderber!«, meinte ein Fußballfan, der das mit den Fähnchen demonstrativ auf die leichte Schulter nahm. Die Altlinken im Biergarten mit der Jazzmusik hielt der schwerwiegende Vorwurf allerdings nicht davon ab, sich an finstere Zeiten erinnert zu fühlen. »Obwohl die Fähnchen damals doch gar nicht so bunt waren«, wie die geschichtskundige Bedienung mit dem Diamanten im Bauchnabel bemerkte. So gingen die Meinungen hin und her, und auch Herr D. war hin- und hergerissen.

Doch spätestens im Viertelfinale wurde auch Herr D. dieses Gefühl nicht mehr los, daß es nun genug war mit den Fähnchen. Daß sie drohten, zur Selbstverständlichkeit zu werden. Daß es kein Ende nahm. Wie in dieser Geschichte von Dürrenmatt, in der ein Zug in einen Tunnel fährt, und der Tunnel nimmt plötzlich kein Ende mehr. Daran mußte der Herr D. denken, an diesem heißen Morgen zehn Wochen nach dem Eröffnungsspiel. Die WM war vorbei, aber die Fähnchen wehten noch immer.


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