Kreuzberger Chronik
März 2006 - Ausgabe 75

Herr D.

Herr D. und der Döner


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von Hans W. Korfmann

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Ein Döner bitte!«, sagte Herr D., zog eine Geldbörse aus der Jackentasche und schaute auf die Uhr. »EINEN Döner heißt das!« sagte der Mann hinter der Vitrine mit den Plastikzitronen. »Wie bitte?«  »DER Döner!« Herr D. schaute ihn

verständnislos an. »DIE Frau! DAS Kind! DER Döner!«, sagte der Türke.  »Ist ja schon gut ...«, sagte Herr D. Ihm war diese Diskussion um die »deutsche Sprache auf dem Schulhof« und die »Leitkultur«  was in seinen Augen sowieso dasselbe war, wenn auch mit anderen Vorzeichen  schon auf die Nerven gegangen, da hatten die Zeitungen noch keine Ahnung davon. Er war schon immer, egal ob es sich um Kurden in der Türkei oder Griechen in Albanien handelte, dafür, daß einer seine Sprache sprechen durfte. Aber das war wieder einmal diese Ungerechtigkeit, die ihm immer wieder widerfuhr, daß die jetzt ausgerechnet ihn auf die Schippe nehmen wollten.

Herr D. ging zu einem der Stehtische, wischte mit einer Papierserviette über die schmierige Oberfläche und schob die Aktentasche unter seinen Stuhl. »Mit Soße oder ohne?« Herr D. antwortete kurz: »Wenig!«  »Wie bitte?«, fragte der Türke. »Wenig, das heißt soviel wie: ein bißchen, nicht viel, nur etwas!«  »Ah, wenig Soße meinen Sie! Das müssen Sie auch dazu sagen, daß Sie wenig Soße wollen!«  »Sagen Sie, da Sie sich so gut auskennen: Wie komme ich in die Torfstraße?« 

»Sie sind wohl nich von hier, wa? Ausländer sozusagen! Hab ich gleich gemerkt! Als alter Berliner! Also, Torfstraße, warten Sie mal, Torfstraße&«  Den aufgeklappten Döner in der einen, in der andern die Greifzange für die Salatbeilagen, schaute er aus dem Fenster und überlegte angestrengt. »Also, da fahren Sie am besten mit der U6 Richtung Tegel, steigen dann um in die &!« Gerade wollte er in die Schüssel mit den Zwiebeln greifen, da hielt ihn ein Schrei zurück: »Keine Zwiebeln! Ich will ein Döner, keine Zwiebeln«  »EINEN Döner, heißt das!«  »Wußte gar nicht, daß Ihr so was wie ne Grammatik habt!«  »Haben wir!«, sagte der Berliner, »wir haben auch einen Weltmeister im Ringen!« 

Herr D., der diese Worte trotz des freundlichen Tones für die Andeutung einer Drohung hielt, murmelte etwas von »Spaß muß sein &« und holte sich die billige Mahlzeit an der Theke ab. Schon beim dritten Bissen lief ihm die Soße an den Seiten heraus, tropfte auf das tadellose Jackett und ließ ihn den türkischen Weltmeister vergessen. »Ich habe doch EXTRA gesagt, mit wenig Soße! Schaun Sie sich mal die Jacke an. Das Döner können Sie selber essen!« rief Herr D. und wollte gehen. »DEN Döner&«, sagte der Dönerverkäufer. Als Herr D. sich nach seiner Aktentasche bückte, sah er vier sich ihm entgegenstemmende Beine, und als er aufschaute, blickte ihm das zähnefletschende Gesicht eines ausgewachsenen Boxers entgegen, der nur durch eine dünne Hundeleine zurückgehalten wurde.

Der Hundehalter begann in aller Ruhe ein Gespräch mit dem Mann hinter der Theke. Auf Türkisch. Herr D. verstand immer wieder das Wort »Döner«. Herr D. wäre jetzt gerne gegangen. Aber der Hund war im Weg.

»Tarzan macht nix! Außerdem ist er an der Leine!« Das Herrchen zog zum Beweis den Hund, der sich mit allen Vieren gegen den Rückzug wehrte, einen halben Meter zurück, um ihn gleich wieder nach vorne schnellen zu lassen. »Aber Sie müssen Ihren Döner noch zahlen!«

Herr D. kramte nach Kleingeld, da sagte der Grammatikspezialist: »Den brauchen Sie nich zahlen. Wegen Ihrer Jacke. Wissen Sie, Türken sind eigentlich freundliche Menschen! Also, erst die U6 bis Leopoldplatz, dann die U9 bis Amrumerstraße. Und tschüs!«


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