Kreuzberger Chronik
Februar 2006 - Ausgabe 74

Herr D.

Herr D. im Schnee


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von Hans W. Korfmann

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Es lag noch Schnee auf dem Fahrradweg. Vor sich sah Herr D. einen Radfahrer stürzen. Er fragte sich, weshalb eigentlich in einem so fahrradbegeisterten Bezirk wie Kreuzberg die Schneereinigung die Radwege derart vernachlässigen durfte. Zwar waren die Radfahrer unter Autofahrern und Fußgängern die Minderheit unter den Verkehrsteilnehmern, aber sonst kümmerte man sich doch auch stets um die Minderheiten im Land. Oder wollte man mit diesen Maßnahmen vielleicht heimlich die Einnahmen der Berliner Verkehrsbetriebe fördern?

Als Herr D. so ein blinkendes, schaufelndes Ungetüm den Steg der Bürger, auf dem kein einziger Schneefleck mehr zu sehen war, blitzblank kehren sah, überholte er und fuhr rechts ran, als wäre er im Besitz von Blaulicht und Martinshorn. Der Schneeräumer hielt und das gelbe Blinklicht erlosch.

»Wieso kehren Sie eigentlich nicht auf dem Radweg. Sind Radfahrer keine Menschen?«

»Ich bin nicht für die Radwege zuständig!«

»Was heißt hier nicht zuständig? Da werden Menschen in Lebensgefahr gebracht, und dann ist niemand zuständig. Dann findet sich keiner. Und das im Zeitalter der Sklavenarbeit und der EinEuroJobber. Das darf doch nicht wahr sein! Die stehn jetzt alle im Park und rechen Schnee, ich habs mit eigenen Augen gesehen, wie sie Papierchen vom Schnee gekehrt haben. Und wir bringen uns währenddessen hier in Lebensgefahr.«

Der Mann im gelben Schneeräumer schloß die Tür und begann wieder zu blinken. Herr D. blieb schnaubend zurück. Gerade wollte er aufsteigen, da kam ihm ein Rollstuhlfahrer entgegen. Er hatte vor sich auf seinem mobilen Schreibtisch eine Flasche Bier, eine Tasse Kaffee, ein Croissant, eine Packung Gitanes und eine Zeitung. Aus noch ungeklärter Ursache benutzte er nicht den Bürgersteig, sondern den schneematschbedeckten Fahrradweg. Es fehlten nur noch einige wenige Meter zwischen den beiden Verkehrsteilnehmern, da blieb er stehen.

»Sie glauben wohl, Sie können sich alles erlauben, nur weil Ihnen ein Bein fehlt!«, rief Herr D. Doch der Rollstuhlfahrer beachtete ihn kaum. Denn neben ihm befand sich einer dieser orangefarbenen Papierkörbe, die immer neben den Fahrradwegen angebracht und so montiert waren, daß sie den Fahrradfahrern von den ihnen zugestandenen 80 Zentimetern Fahrbahnbreite noch etwa 40 übrigließen. Wären sie nicht zufällig orangefarben gestrichen, hätten sie in der Statistik der Unfallursachen bei Berliner Verkehrstoten wahrscheinlich Platz 1 eingenommen.

Der Rollstuhlfahrer grüßte Herrn D. mit einem Handzeichen und richtete sich in seinem Vehikel auf, bis er an den Schlitz des städtischen Müllschluckers herankam. Dann verschwand eine Hand im Schlitz und holte nach und nach vier Flaschen hervor, die der Rollstuhlfahrer mit professionellem Blick taxierte und in seine praktische Ablage unter dem Rollstuhl warf.

Und auch noch Pfandflaschen sammeln!«, rief Herr D. »Das ist ja wohl der Gipfel! Die Pfandflaschen anderer Leute!«

»Genau!«, rief da plötzlich eine Frau, die mit einer Alditüte des Weges kam. Sie sah aus wie eine Verkäuferin von Karstadt: Mitte Vierzig, blonde Locken, weiße Bluse. Und als sie ganz nah war, da erkannte Herr D., daß sie nicht nur so aussah. Sie war die Brotverkäuferin von Karstadt am Hermannplatz.

»Was machen Sie denn schon wieder hier« rief sie. »Das ist mein Müllkasten, das hab ich Ihnen doch gestern schon gesagt!«

Der Alte im Rollstuhl sah zu, daß er weiterkam. Und auch Herr D. war endlich beschämt genug, um schweigend zu seinem gesicherten Arbeitsplatz zu fahren.


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