Kreuzberger Chronik
April 2006 - Ausgabe 76

Herr D.

Herr D. hat Unglück


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von Hans W. Korfmann

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Der erste Tag nach zwei Wochen Schnupfen und Betthüten war ein Unglückstag. Er begann damit, daß Herr D. die Ausweispapiere auf dem Gepäckträger seines neuen Fahrrades ablegte  des achten, seit er in Berlin war , sich dann über sein Rad beugte, um es loszuketten, plötzlich die dampfende Hinterlassenschaft einer Bulldogge nur wenige Millimeter neben seinem Hinterrad gewahrte, im gleichen Augenblick schon ahnte, daß die Dokumente vom Gepäckträger ins Rutschen geraten könnten, nach dem Gepäckträger greifen wollte, um das Schlimmste zu verhindern, als sich von oben ein Dachziegel näherte, ins Bild huschte, worauf Herr D. blitzschnell die Hand wieder wegzog und nur noch ohnmächtig zusehen konnte, wie zuerst die Papiere im Hundescheißhaufen und dann der Dachziegel darauf landete.

Das sind Tage, an denen man besser im Hause blieb. Auf keinen Fall sollte man zur Arbeit fahren. Aber Herr D. fuhr zur Arbeit. Ins Auswärtige, wo man immer noch damit beschäftigt war, Stühle hin und herzurücken. Die Sitzordnung war ein Problem. Womöglich würde die Lösung bis zur nächsten Wahl auf sich warten lassen. Und gleich kam ihm die Liebich entgegen. Das liebe ich, murmelte er und wollte in einem Seitengang verschwinden, da rief sie schon: »Na, haben Sie das gehört, Herr D.? Jetzt gehts uns ans Weihnachtsgeld!«

»Na, ein bißchen Solidarität muß sein, Frau Liebich!«, sagte Herr D., als sich ihre Nasen fast berührten. »Ja, aber warum sollen wir Kleinen uns denn mit den Großen solidarisieren?«, rief die Liebich. »Den Vielverdienern da oben tut das ja nicht weh, aber Sie bekommen doch auch nur so ein kleines Beamtengehalt. Oder wollen Sie jetzt Abgeordneter werden?« Dann drehte sie sich auf
dem Absatz um und verschwand. Herr D. gab ihr heimlich Recht.

Den ganzen Tag über mußte er Recht geben. Alle fragten nach seiner Gesundheit, um dann nahtlos aufs Weihnachtsgeld zu sprechen zu
kommen. Als wüßten sie es erst seit gestern. Und als er am Abend sein Fahrrad in den Hof schob, kam ihm zu allem Überfluß der Nachbar aus dem zweiten Stock entgegen. Ein Zivildienstleistender.

»Na, jetzt sieht das ja fast aus, als säßen wir im selben Boot, Herr Beamter!«, sagte er. »Tun wir aber nicht. Ihnen bleibt ja noch immer genug zum Urlaubmachen. Aber wir Zivis bekommen ja eh schon nichts.«

»Ja, aber während Du zwei Jahre lang im warmen Seniorenheim Kaffee trinkst und Dich mit netten alten Damen unterhältst, haben andere Deines Alters in Sibirien um ihr Leben laufen müssen, sind im Krieg verhungert, erfroren, erschossen worden...«

Dieser Tag war einfach zu lang und zu beschissen gewesen, und auch, wenn Herr D. wußte, daß sein Ärger den Falschen traf, so hatte er dennoch das Gefühl, nicht ganz Unrecht zu haben mit dem, was er da sagte. Doch der Zivi sah ihn an, als hätte sich Herr D. gerade aus dem sibirischen Eis gegraben.

»Sie brauchen gar nicht so ungläubige Augen zu machen«, fuhr Herr D. fort. »Ich brauche mich nicht dafür zu rechtfertigen, daß ich noch eine Arbeit habe. Es ist nun mal, wie es ist. Es gibt kein Geld mehr, keine Arbeit, keine Sozialhilfe, und wenn da noch ein oder zwei Arbeit haben, dann brauchen die sich dafür nicht zu verteidigen. Glauben Sie denn, Sie würden Ihre Arbeit freiwillig abgeben, wenn Sie noch eine hätten?«

»Ach, Ihr Beamten seid ja noch zu geizig, was von Euerm Weihnachtsgeld abzugeben. Während sie in Pakistan erfrieren, weil die nicht mal ne Jacke haben«, sagte der Zivi.

Verdammt, dachte Herr D., irgendwie ist das alles schlimmer als die Ausweispapiere im Hundescheißhaufen und ein Dachziegel obendrauf.


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