Kreuzberger Chronik
Oktober 2005 - Ausgabe 71

Herr D.

Herr D. und Herr Jauch


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von Hans W. Korfmann

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Herr D. war zwar keine Schwiegermutter, aber er mochte ihn auch, diesen Günter Jauch. Er schien so zu sein, wie er aussah. Wenn er lachte, lachte er, und wenn er sich ärgerte, dann ärgerte er sich. Wenn er jemanden mochte, dann half er ihm, und wenn er jemanden nicht mochte, dann führte er ihn in die Irre. Er blieb menschlich. Und das sogar im Fernsehen, vor laufender Kamera.

Glaubte Herr D. Bis er vor der Käsetheke in der Markthalle stand. Er wollte sich so einen von diesen kleinen, doch exorbitant teuren Ziegenkäse holen, den er sich ab und zu einmal gönnte. Immer dann, wenn nicht zu viele Leute am Käsestand waren, die ihn beim Bestellen hätten belauschen oder ihm über die Schulter hätten gucken können. Denn seit einige der alten Häuser des Viertels, die einst der gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaft gehört hatten, teuer renoviert und teuer verkauft worden waren, zogen Reiche in die bis dahin eher von Armen besetzten Häuser Kreuzbergs. Mehr als einmal hatte man Herrn D., wenn er sich den teuren Käse holte, angepöbelt, er sei wohl auch so einer von den neuen Eigentumswohnungsbesitzern, die den Kiez zerstören oder zumindest erobern wollten.

Diesmal standen lediglich zwei unauffällige Hausfrauen  gehobener Mittelstand  vor ihm, die Chancen für einen reibungslosen Einkauf standen gut. Die Frauen beklagten sich gerade bei der Verkäuferin, daß auch die Lebensmittel jetzt ständig teurer wurden. »Zuerst kamen die Restaurants, die haben auf den Speisekarten glatt die Mark durch Euro ersetzt! Dann kamen die Schuhläden, die Klamottenverkäufer,  halt alles, was nicht unbedingt sein mußte. Aber jetzt gehts ans Eingemachte, jetzt gehts an die Regale in den Lebensmittelläden. Und das nächste, das werden dann die Mieten sein.«

»Genau«, sagte eine Frau, die sich hinter Herrn D. gestellt hatte. »Genau. Und dann können wir alle ausziehen.« Herr D. sah sich nach der Frau um und überlegte, ob er nicht vielleicht doch einen Leerdamer nehmen sollte.«

»Na, dann müssen wir eben Lotto spielen!«, sagte die Verkäuferin und reichte einen stinkigen Käse rüber. »Oder bei Günter Jauch antreten!«, sagte die andere. »Quatsch,« rief die Frau hinter Herrn D. »Wieso?« riefen die drei Frauen und Herr D. wie aus einem Munde. »Mein Bruder hat da mitgemacht. Und auch gewonnen. Keine Million, aber immerhin. Und wissen Sie, wie lange er um das Geld gebangt hat?« »Nee!«, riefen die Frauen und Herr D. wie aus einem Munde. »Drei Wochen! Und wissen Sie warum? Weil man ihnen nämlich vor der Sendung erklärt hat, daß sie nur dann Anspruch auf das Geld haben, wenn die Sendung auch tatsächlich ausgestrahlt wird!« »Das sah immer aus wie live!« »Blödsinn, live ist nur noch der Sport.« »Das heißt, wenn einer die Millionenfrage beantwortet, aber ein so blödes Gesicht macht dazu, daß der Sender ihn komplett aus der Sendung rausschneidet, dann bekommt er keinen Pfennig?«, fragte Herr D. »Zumindest theoretisch«, behauptete die Frau. Die Verkäuferin rief: »»Das ist ja gemein!«, und sah Herrn D. entrüstet an. »Einen Leerdamer!«, sagte Herr D.


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