Kreuzberger Chronik
Oktober 2004 - Ausgabe 61

Herr D.

Herr D. rempelt an


linie

von Hans W. Korfmann

1pixgif
Als Herr D. in die Markhalle ging, stieß er gegen eine junge Frau in einem dünnen Kleidchen, an dessen Saum der Wind spielte. Herr D. lächelte. »Können Sie nicht aufpassen, Mann!« – Herr D. lächelte nicht mehr. »Sie glauben wohl, nur weil sie ein paar Jahre älter sind, muß jeder gleich Platz machen, wenn Sie kommen. Aber ich nicht. Ich mach keinen Platz!« – Herr D. wollte weiter, aber die Frau hielt ihn am Ärmel fest.

»Wie wäre es, wenn Sie sich entschuldigen?« – »Entschuldigung!«, stotterte Herr D. und wandte sich abermals zum Gehen. Doch die Frau ließ nicht los. »So einfach kommen Sie nicht davon! Sie hören jetzt zu!« Herr D. versuchte abermals, sich aus dem Haltegriff zu befreien, aber die Frau ließ nicht locker.
»Sie sind doch betrunken!«, wandte Herr D. ein, »wäre es nicht besser, wenn wir das Gespräch auf einen anderen Tag vertagen?«
»… auf einen anderen Tag vertagen!« wiederholte die junge Frau in ironischem Ton und zog die Lippe so lang wie die afrikanischen Tellerlippenträgerinnen, »Warten Sie mal …« – Sie holte einen elektronischen Terminplaner heraus, blätterte in den imaginären Seiten wie die Sekretärin eines vielbeschäftigten Chefs. Herr D.s Blick fiel in ihren Ausschnitt und rutschte dann das ganze kirschfarbene Kleid hinunter bis zu ihren Schuhen. Er verstand nichts von Mode, aber er sah, daß Kleid und Schuhe nicht aus der Ramschkiste im Erdgeschoß von Karstadt kamen. Sie klappte ihren Terminkalender wieder zu und sagte: »Nichts mehr frei, erst wieder im August.«
»Warum trinken Sie eigentlich so viel?«
»Ach, jetzt kommt er mit der väterlichen Tour! Warum ich trinke: Ich feier meinen letzten Arbeitstag. Ich habe gekündigt!«
»Haben Sie sich das auch gut überlegt?« Ihm fiel nichts anderes ein als diese Phrase der Ewigbesserwisser.
»Wenn man jeden Monat 2400 Euro aufs Konto bekommt, dann überlegt man sich das zweimal, oder!«, sagte die Frau, warf den Kopf in den Nacken und setzte die Bierbüchse an die Lippen. »2400 Euro jeden Monat! Was verdienen Sie, wenn ich fragen darf?«
Herr D. wackelte unbeholfen mit den Schultern, ein bißchen mehr sei es schon.
»Haben Sie Kinder?«, fragte die Frau. Herr D. schüttelte den Kopf.
»Sehen Sie!« sagte die Frau. »Ich schon. Zwei! Und zwar allein!«
Die Frau setzte die Bierbüchse an, trank aus und zog eine neue aus der Handtasche. »Wolln Sie auch eine?« Herr D. schüttelte den Kopf.
»Aber als Alleinstehende mit zwei Kindern … – ich meine … Sie sollten sich das noch mal überlegen mit dem Job. Wenn Sie mit Hartz IV dann nur noch Sozialhilfe bekommen … Ich sag Ihnen, das wird die Hölle!«
»Es WAR die Hölle!« sagte die Frau.
»Ja, aber die Kinder!«, wandte Herr D. ein.
»Genau!«, sagte die Frau und hob die Bierbüchse. »Genau! Die Kinder! Wissen Sie, wie das ist, wenn man seine Kinder aus der Kita abholt und die stehen schon seit zwei Stunden an der Treppe und warten auf ihre Mami? Und die muß arbeiten bis fünf. Weil der Chef noch dies und das will. Und wenn keiner in dieser verdammten Kita da ist, der sich um die Kinder kümmern kann, weil man die Hälfte der Erzieher entlassen mußte. Wissen Sie, wie sich das anfühlt? Nee, das wissen Sie nicht. Und deshalb habe ich aufgehört.«

In diesem Moment kamen zwei Kinder angelaufen, mit wehenden Kleidchen und ausgebreiteten Armen. Die Frau warf die Bierbüchse weg und breitete die Arme aus. Und während sie zwei lachende Kinder auf ihren Armen hielt, sagte sie: »Deshalb hab ich aufgehört! Haben Sie jetzt verstanden? Gut! Dann können Sie gehen!« <br>

zurück zum Inhalt
© Außenseiter-Verlag 2019, Berlin-Kreuzberg