Kreuzberger Chronik
März 2004 - Ausgabe 55

Herr D.

Herr D. und die Keule


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von Hans W. Korfmann

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Es gab, wenn auch nur einige wenige, Momente, da beneidete Herr D. seine verheirateten Kollegen. So auch an diesem Feierabend: Er hatte nicht die geringste Lust, sich mit seinen explosiven Niesausbrüchen in den Fünf-Uhr-Stau vor den Kassen der Lebensmittelmärkte zu mischen.

Um die langen Schlangen und die neonbeschienenen Blondinen an den Kassen der Supermärkte zu umgehen, lenkte Herr D. sein Fahrrad zur Markthalle. Doch die Schlange vor dem Geflügelstand war genauso lang. Alles, was Herr D. zu seinem Glück brauchte, war eine kleine, zarte Hähnchenkeule. Aber er mußte warten, als handele es sich um ein halbes Schwein!

Er stand bereits in der siebten Position, als er niesen mußte. Niemand sah sich nach ihm um. Auch als er, schon an vierter Stelle liegend, gleich von zwei heftigen und unmittelbar aufeinanderfolgenden Eruptionen erschüttert wurde, begegnete man ihm mit Ignoranz. Und selbst, als zwischen ihm und der ersehnten Theke nur noch eine dünne Frau stand, schenkte niemand dem einsamen und hoffnungslosen Kampf des Herrn D. gegen den Juckreiz in der Nase gebührende Aufmerksamkeit.

Denn Kundin und Verkäuferin waren in eine angeregte Unterhaltung verstrickt: »6 Milliarden sollen es sein, hab ich gelesen! 6 Milliarden!«, sagte die Fleischverkäuferin und zerlegte ein kleines Hähnchen kunstvoll in vier noch kleinere Teile. »Da fragt man sich doch, wie man die alle impfen soll!« – »In China, hab ich heute morgen im Radio gehört, sind die Bauern mitsamt ihren Hühnern auf der Flucht. Vor den Inspektoren!«, sagte mit erregter Stimme die dünne Kundin. – »Naja, so schlimm ist das alles ja auch nicht!«, verteidigte die Fleischverkäuferin die chinesischen Fleischlieferanten, »Anstecken kann man sich ja nur, wenn man das Fleisch ißt. Und dann ißt man eben kein chinesisches Hühnerfleisch mehr. Fertig.« Die rotbackige Fleischverkäuferin rollte das zerlegte Federvieh in einen Bogen Papier ein und sagte: »Unsere Hühner sind jedenfalls sauber!« – »Na, das hat man von den Rindern auch gesagt. Und dann?« – »Was dann?«, fragte die Marktfrau und stemmte die Arme in die Hüften: »Ist auch nur einer dran krepiert hier bei uns? – Nöö! Nischt! – Aber zwei Jahre hatten wir jeden Abend verrückte Rinder auf der Mattscheibe. Und zwei Jahre lang schrieben die Zeitungen über nichts anderes als BSE. Jetzt ist es eben H5N1!«

»In der Zeitung stand aber, daß die Vogelgrippe auch von Mensch zu Mensch übertragen wird. Also durch einen ganz gewöhnlichen Schnupfen.«
»Ach, das sind doch alles ABM-Maßnahmen. Arbeit fürs Robert-Koch-Institut und die Journaille!«, beschwichtigte die Verkäuferin.
»Das Tückische ist ja, daß es genauso anfängt wie eine ganz normale Grippe. Mit Schnupfen und plötzlichem Fieber und …« – Die Kundin erwies sich als eine wahre Expertin in Sachen Vogelgrippe, kannte alle Symptome … Sie schnatterte wie ein Radiosprecher – bis Herr D. niesen mußte. Da wurde sie still, drehte sich um und sah Herrn D. plötzlich mit ganz neuen und verwunderten Augen. Wahrscheinlich, überlegte er, sah sie bereits Federn aus ihm sprießen.

»Eine Keule!«, sagte Herr D., als er endlich an der Reihe war, und die Wurstverkäuferin sagte: »Den ganzen Tag allein, die Frau! Zu viel Fernsehen!« Doch auf dem Heimweg erinnerte sich Herr D. an das Pochen in den Schläfen vor zwei Tagen. Das Fieber war ganz plötzlich gekommen, in wenigen Sekunden war das Thermometer auf 38,5 gestiegen! Das Hühnerfleisch beim Chinesen vor zwei Tagen hatte auch irgendwie merkwürdig geschmeckt. Und dann war da noch diese vietnamesische Delegation gewesen, die ihre Nasen in jedes Büro gesteckt hatten! Die hatten doch alle diese ungesunde Hautfarbe gehabt. <br>

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