Kreuzberger Chronik
Oktober 2002 - Ausgabe 41

Herr D.

Herr D. geht einkaufen


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von Hans W. Korfmann

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Es war nicht das richtige Wetter für einen Ausflug. Der Himmel war nicht zu sehen. D. beschloß, sich zuerst einmal ein Frühstück zu besorgen. Aber kaum hatte er die nasse Straße betreten, verstärkte sich seine Ratlosigkeit. Er konnte sich nicht einmal entscheiden, ob er frieren sollte oder nicht.

»Zwei Brötchen!«, sagte Herr D. und betrachtete die kleinen Wasserlachen, die nasse Kunden vor ihm auf dem Geschäftsboden zurückgelassen hatten. »Wie bitte? Brötchen? Könnten Sie vielleicht deutlicher sprechen?«, fragte die Verkäuferin. D. erinnerte sich. Es war jeden Samstag das Gleiche. Also sagte er laut und deutlich: »Zwei Schrippen!« Die Verkäuferin nickte zufrieden.

Nach dem Frühstück regnete es noch immer. Also beschloß D., das zu machen, was alle bei diesem Wetter machten: Einkaufen gehen. Er dachte zuerst an den Ku’damm, aber dann wählte er doch wieder nur Karstadt am Hermannplatz. Im kostenlosen Heißluftfön am Eingang des Kaufhauses entrichtete er seinen Solidaritätsbeitrag an zwei Punks, schlenderte anschließend gemütlich durch die Krawattenabteilung, ohne etwas Passendes für seine Stimmung zu finden, schnupperte sich durch Parfums, ohne Erfolg und vertrödelte eine halbe Stunde in der Büroabteilung. Dann plötzlich bestieg er die Rolltreppe. Er hatte sich erinnert, daß im Fernsehen gerade das Abschlußtraining der Formel Eins lief.

D. stand in der vierten Etage, dort, wo sie schlauerweise ihre teuren Elektrogeräte untergebracht haben. Denn wie sollte ein Dieb mit einem dieser riesigen Fernseher aus dem vierten Stock unbemerkt ins Erdgeschoß kommen! D. wollte gerade den Verkäufer mit der roten Krawatte bitten, das richtige Programm einzuschalten, da zuckte er zusammen: Er hörte hinter sich die Stimme seines Chefs. Als er sich umdrehte, war es die Aufzeichnung der gestrigen Bundestagsdebatte. Trottel, dachte der erschreckte Herr D.

»Volltrottel«, sagte einer der drei Männer, die vor dem Fernseher standen und auf dem Laminatboden bereits drei kleine Wasserlachen hinterlassen hatten. -Und ich bin sicher, daß wir die Zahl der Arbeitslosen bis 2004 weiter verringern wer …«, sagte sein Chef. Der Mann mit dem Filzmantel wiederholte: »Volltrottel«.
»Idiot!«, sagte der mit der Einkaufstasche. »Arschlöcher!«, sagte der Dritte.
Herr D. sah, wie der Mann mit der roten Krawatte den Schlüssel aus der Kasse zog und auf sie zusteuerte. »Meine Herren! Dürfte ich Sie bitten, die Abteilung zu verlassen!«
»Na, wir werd’n doch noch die Bundestagsdebatte hör’n dürfen. Das is doch ’ne Demokratie hier, oder?«
»Das können Sie gern im Bundestag machen, aber nicht hier bei uns.«
»Ich bin Kunde!«, sagte der mit der Einkaufstasche und deutete auf den blauen Schriftzug.
»Das ist egal!«, fuhr der Karstädter unbeirrt fort, »ich bitte Sie, unser Haus zu verlassen, sonst muß ich den Wachschutz rufen.«
D. warf einen Blick auf seinen Chef, dann auf die drei Männer, und dann auf den Verkäufer: »Hör’n Sie mal, junger Mann, das ist ja irgendwie paradox. Erst stellen sie Fernseher auf, damit die Leute reingucken, und dann beschweren sie sich, wenn einer reinschaut.«

»Sie halten sich mal schön raus, junger Mann!«, sagte der Verkäufer.
»Ich bin kein junger Mann, und ich halte mich auch nicht raus!«, sagte Herr D. »Und außerdem: Ich kaufe ihn!«
»Was?!«
»Den Fernseher! Und zwar sofort! Vorausgesetzt, sie lassen uns in Ruhe!« D. reichte dem Verkäufer seine Geldkarte. Die drei in ihren Wasserlachen brüllten vor Lachen. Es war ein schöner Tag. D. war bis zum Abend glücklich mit seinem neuen Fernseher. So einen lautstarken Beifall bekam sonst nur sein Chef. <br>

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