Kreuzberger Chronik
Mai 2017 - Ausgabe 189

Reportagen, Gespräche, Interviews

Der Turmbau zu Kreuzberg


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von Waltraud Schwab

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Krishnamurthy hatte einen Traum: Er wollte einen Tempel bauen. Vor zehn Jahren begann er. 2018 soll er fertig sein.

Dieser Königsturm, an dem sie seit neun Jahren bauen, 17 Meter hoch und mit 180 Göttern verziert, dieser Turm also, noch eingerüstet, doch bereits beleuchtet wie jedes Gotteshaus von Größe, stellt die Füße eines liegenden Buddha dar. Vilwanathan Krishnamurthy demonstriert das, indem er seine Arme ausstreckt und seine Hände nach oben knickt, als wären seine Hände die zum Himmel zeigenden Füße.

An der Hasenheide, zwischen Spielhalle, Bowlingbahn, der »Neuen Welt« und dem Karstadtkaufhaus steht der Turm. Auf dem Platz dahinter wird irgendwann der größte hinduistische Tempel Deutschlands stehen, 864 Quadratmeter groß. In Europa ist nur noch der von London größer.

Der stets lächelnde Krishnamurthy ist der Gründer dieses Tempels. Er hat oft davon geträumt, einen Tempel zu erichten. Irgendwann sagte er zu seiner Frau: Ich muss einen Tempel bauen. Sie antwortete: »Du bist übergeschnappt. Wir sind nicht die Leute, die so etwas machen, wir haben kein Geld.« Außerdem sei eine Tempelgründung etwas Göttliches. Menschen, die Tempel bauen, hätten in ihrem früheren Leben den Auftrag dazu bekommen.

Aber weil die Träume nicht aufhörten, steht da jetzt der fast fertige Königsturm, in dem schon das Tor erkennbar ist, das später in den Tempel führen soll. Mitten auf dieser Stadtbrache. »Bunt angestrichen wird er noch.«

Außer dem Turm ist auf dem Gelände auch eine alte Sporthalle, die, nachdem Berlin doch nicht zur Olympiastadt wurde und keine Fördergelder für die Sanierung zu bekommen waren, nur noch ein maroder Geräteschuppen war. Davor stand einst jene Eiche, unter der Turnvater Jahn seine ersten Jünger versammelte. Jetzt wird die leere Turnhalle von hinduistischen Gläubigen für ihre Zeremonien genutzt.

Der Tempel, dem mächtigen Elefantengott Ganesha gewidmet, sei ein Ort der Reinigung, sagt Krishnamurthy. »Wir erwarten, dass wir im Tempel schlechte Energie verbrennen können und mit guten Energien wieder rauskommen.« Schlechte Energien, das sind Hass, Neid, Missgunst, Gewalt, Arroganz. Krishnamurthy will alles Mögliche in Einklang bringen auf seinem Gelände: Kulturen, Religionen, Philosophien, Architektur, Ethiken, Moral. »Der Tempel soll helfen, Hindus in Deutschland zu integrieren«, sagt er. »Amtssprache ist Deutsch.«

Jeden Tag kommt ein Brahmane in die alte Turnhalle. Er war, wie Krishnamurthy, früher Gastarbeiter, hat dann aber noch hinduistische Theologie studiert. Nur ein Brahmane darf den Ganesha-Schrein im Interimstempel öffnen. Er reiningt den Schrein, ruft Gott an, erneuert seine Kraft und teilt sie mit den Gläubigen. Und er bringt Feuer zu den ausgewählten Göttern, die an einer Wand der Turnhalle aufgestellt sind, darunter neben den wichtigsten und populärsten Göttern im Hinduismus, der vielarmigen Shakti und der vielarmigen Durga, auch Murga, der Lieblingsgott von Krishnamurthy.

Foto: Dieter Peters
Krishnamurthy, ein Schweißer aus dem südindischen Bangalore, kam vor 41 Jahren nach Berlin. Die meiste Zeit wohnte er in Neukölln, nicht weit von jener Brache, auf der jetzt der Tempel in den Himmel wächst. »Weil die AEG dort ein Werk hatte.« Man brauchte Schweißer in Deutschland, und er dachte, »zwei Jahre könne man das ja machen«. Sie waren zu dritt, Abenteurer, 23 Jahre alt, und sie wurden »immer gut behandelt. Bis jetzt.« Und nach zwei Jahren bei der AEG fragte der Meister, ob sie nicht noch länger bleiben könnten. »Gut!«, sagten die Inder, »aber dann holen wir jetzt unsere Frauen.« Aber wenn Kinder kämen, dann wollten sie wieder zurück. Und dann sind Kinder gekommen. »Gut, wenn sie in die Schule kommen, gehen wir wieder zurück.« Und dann sind die Kinder in die Schule gekommen. »Gut, wenn sie in die Oberschule kommen, gehen wir wieder zurück.« Die Kinder kamen in die Oberschule, und die Eltern sagten: »Gut, jetzt können sie auch noch das Abitur machen. Und dann gehen wir aber wirklich zurück.« Aber als die Söhne ihr Abitur in der Schultasche hatten, sagten die zu ihren Eltern: »Ihr könnt zurück, wir bleiben.«

Inzwischen arbeitet Krishnamurthy nicht mehr in der Fabrik, sondern in der Erstaufnahme von Flüchtlingen beim Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales. Im Moment kämen viele aus Moldawien. Auch beim Berliner Integrationsbeirat ist Krishnamurthy engagiert. Und ein Freund des ehemaligen Neuköllner Bürgermeisters Buschkowsky, dessen deftige Sprüche zur Ausländerpolitik es bis in den Spiegel schafften, ist er auch.

Krishnamurthy gelang es, auf irgendeiner dieser Rathauspartys den borstigen Bürgermeister davon zu überzeugen, dass Berlin unbedingt noch einen hinduistischen Tempel braucht. »Hier leben ein paar Tausend Hindus, und wir haben keinen Platz zum Beten!« Und vor neun Jahren bot ihm Buschkowsky die Brache mit der maroden Turnhalle an. Für 85 Jahre in Erbpacht. Der Turm, so scheint es, hat noch Zeit zum Wachsen.

Die marode Turnhalle, die nicht einmal mehr ein Dach trug, wurde mit Spendengeldern indischer Unternehmer und der Arbeit von Gläubigen und Flüchtlinen nach und nach in Stand gesetzt. Am Turm aber bleibt noch viel zu tun bis zur Einweihungsfeier, »das dauert! Genau wie am BER!« Weil Krishnamurthy immer nur dann weiterbauen kann, wenn genügend Spenden eingegangen sind. Doch das Bauvorhaben ist befristet, Ende 2018 muss alles fertig sein. Auch der Turm! Dann läuft die Baugenehmigung aus. Anders als beim BER.

Feste und Hochzeiten allerdings werden schon jetzt gefeiert. An einer Seite der Halle steht der goldfarbene Baldachin, geschmückt mit den 33 Millionen hinduistischer Götter. Hier finden die Vermählungszeremonien statt, um sicher zu sein, dass auch alle Götter ihren Segen zur Hochzeit geben. Siebzehn Hochzeiten seien im Interimstempel bereits gefeiert worden, »alle interreligiös«: Ein Hindu mit einer Muslimin, ein Christ mit einer Hinduistin, so genau weiß er es nicht mehr. Auch sein Sohn hat eine Christin geheiratet. Als er dem Vater das erste Mal von ihr erzählte, sagte der, er solle sich eine andere suchen. »Willst du, dass ich glücklich bin?«, fragte der Sohn. Der Vater nickte. »Und ich bin glücklich mit dieser Frau.«

Er habe viel gelernt in Deutschland, sagt Krishnamurthy: »Wer bin ich, mich gegen die Liebe zu stellen.« Alles sei Schicksal: Dass er nach Berlin kam. Dass er einen Tempel baut. Dass auch der zweite Sohn eine deutsche Freundin hat. Und dass so viele beim Tempelbau helfen. 6000 Hindus leben in der Stadt, 1,4 Milliarden auf der Erde. Es wird schon fertig werden, das Gotteshaus am Hermannplatz.

»Wir feiern alles im Tempel!«, sagt Krishnamurthy, die Geburt des ersten Enkels, Weihnachten, Geburtstage. Religion soll Freude machen, Freude sei das Wertvollste. »Ich will meinen Kindern etwas aus unserer Kultur hinterlassen«, sagt Krishnamurthy. Meine Enkel sollen einmal sagen können: »Mein Großvater hat einen Tempel gebaut.«

Foto: Dieter Peters
Jeden Tag verbeugt er sich vor Ganesha, Shakti und dem Lieblingsgott Murga. Sein ganzes Leben habe er die Nähe der Götter gespürt. Auch damals in Indien, zu elft saßen sie im Wagen, es war Monsun, die Straßen glatt, das Auto kam ins Rutschen und prallte gegen einen Baum. Alle waren verletzt, nur er und seine Frau nicht. »Du, immer sagst du Gott, Gott...«, soll seine Frau gerufen haben. »Wo ist er jetzt, dein Gott?« Da hätten sie sich umgedreht und die Bewohner aus einem nahen Dorf kommen gesehen. Sie hätten die Verletzten ins Krankenhaus gefahren und sie im Dorf aufgenommen.

Krishnamurthy steht neben der Betonmischmaschine. Es riecht nach Weihrauch. Er zeigt auf die winterliche Brache. Er kann sehen, was noch nicht ist: Hinter dem Turm den Hof und mitten darin den Tempel. Schon vom Tor aus wird man den Ganesha-Schrein am anderen Ende erkennen. Der Schrein ist der Kopf des liegenden Buddha, der Tempel sein Bauch. Wer durch das Tor geht, betritt den Körper Gottes und verschmilzt mit dem Göttlichen. »Um den Glauben sind vier Wände«, sagt der Tempelbauer und zeigt auf die Wände des Turms. Sie sollen ihn schützen. Auch gegen jene radikalen Hindus, die im Norden Indiens gegen Muslime kämpfen: »Sie nutzen die Religion politisch. Es geht ihnen um die Macht, und sie haben Angst, sie zu verlieren.«

Im Hinduismus aber sei Platz für alle. Die vielen Götter stünden für die unterschiedlichsten Seinsformen: Mann, Frau, verschmolzen, beides in einem, Tier, Pflanze. Deshalb wohl ist nie klar, ob eine Gottesabbildung einen Mann oder eine Frau darstellt. Der Hindusmus sei eine weltoffene Religion, Homosexualität sei kein Problem. Jeder Gott sei ein Zwitter, das Herz weiblich, das Gehirn männlich. »Was das Herz sagt, muss das Gehirn hören.«

Wann die Eröffnung sein wird, sagt Krishnamurthy nicht. Er habe aus den Fehlern des BER gelernt. Aber es wird wohl nicht mehr lange dauern, bis die beiden steinernen Götter, die noch verloren auf der Brache wachen, ihren Platz neben dem Turmtor einnehmen. Sie sollen dafür sorgen, dass keine schlechten Energien in den Tempel gelangen. Sie werden es schaffen. Die Wächter sind größer als er. •


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