Kreuzberger Chronik
Juni 2017 - Ausgabe 190

Geschichten & Geschichte

Peter Villaume


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von Werner von Westhafen

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Der verjagte und vergessene Philanthrop

Der so genannte Gutmensch ist heute verrufen. Die Vokabel, die es eigentlich gut meinte, ist zum Schimpfwort verkommen in Zeiten, in denen christliche Nächstenliebe schamlos ausgenutzt wird, in denen Heerscharen Freiwilliger unentgeltlich in angeblichen Ehrenämtern arbeiten, ohne zu bemerken, wie sie ausgebeutet werden. Der Gutmensch des 21. Jahrhunderts ist ein Handlanger des Systems und erntet Spott statt Lob.

Vor zwei Jahrhunderten allerdings war der Philanthrop noch ein Revolutionär. Einer der ersten von ihnen war ein echter Kreuzberger. Doch »der Name des Mannes, der einer der hervorragendsten Schriftsteller des Philanthropismus und ein Philanthrop im besten Sinne des Wortes genannt werden muss,« schreibt 1894 ein Student seiner Dissertation, »ist nur wenigen bekannt!« Der angehende Magister meinte den Geisteswissenschaftler Peter Villaume, der seine Gedanken stets in aller Radikalität und Präzision äußerte, der auch die schamlose Inflation der Ehrenämter im 21. Jahrhundert. nicht unerwähnt gelassen hätte. Unablässig wettert er gegen Friedrich II., 1796 schimpft er in einer Festrede: »Wenn so viele prächtig leben, wieviele müssen wohl hungern? Wieviele müssen für die vornehmen Damen und Herren arbeiten, um ihnen die Summen zu verdienen, die diese verschleudern? Zehntausend arbeiten sich zu Krüppeln, zehntausend werden von Hunger abgezehrt, damit ein Faulenzer sich zu Tode langweilt.«

Peter Villaume war schon in den Siebzigerjahren des 18. Jahrhunderts beseelt vom Kreuzberger Widerspruchsgeist. »Die Wahrheit« , sagte er, »ist mir wichtiger als recht haben oder das letzte Wort behalten.« Vergessen wurde er trotzdem. Kein Straßenname, keine Schule, kein Sportstadion erinnert an ihn, obwohl er, gemeinsam mit einem Turnvater namens Jahn, zu den Initiatoren des ersten deutschen Sportplatzes in der Kreuzberger Hasenheide gehörte, ebenso zu den wichtigsten Theoretikern der neuen Philosophie von Geist und Körper.

Geboren 1746 als Spross hugenottischer Einwanderer, die sich zwischen Halleschem und Kottbusser Tor niedergelassen haben, muss der sechsjährige Junge, da der Vater früh starb, zunächst als Wollweber, Perückenmacher und Goldschmied arbeiten. Erst mit 15 kann er die Ecole de Charité im Waisenhaus der französischen Gemeinde besuchen, wo er rasant aufholt und schon zwei Jahre später als Lehrkraft tätig wird. Ein Gönner verhilft dem begabten Jungen zum Theologiestudium. Schon mit 25 steht er der Gemeinde in Schwedt vor, mit 30 geht er nach Halberstadt, in ein »echtes Aufklärernest« , wo er der »Literarischen Gesellschaft« beitritt, deren Mitglieder das »Berlinische Journal der Aufklärung« herausgeben. Im Alleingang gründet er eine »Erziehungsanstalt für Frauenzimmer« und erklärt: »Man arbeitet viel an der Verbesserung der männlichen Erziehung. Wie löblich ist das! Allein mich deucht, daß man sich hierin wenig versprechen darf, wenn nicht mit gleichem Fleiße an der Erziehung des weiblichen Geschlechts gearbeitet wird.« Und fügt, schon im Jargon der Latzhosenträgerinnen der 1970er Jahre, hinzu: »Man muß sich doch wundern, daß so gar nichts für dieses Geschlecht getan wird. Glaubt man etwa, dass Mädchen des Unterrichts unfähig oder unwürdig sind? Ist es etwa schon genug, um eine gute Mutter und Gattin abzugeben, daß ein Mädchen notdürftig lesen und seinen Namen schreiben kann? Besteht die gesittete Bildung in ein paar französischen Worten, einer Romanlesung, Tanzen und Spielen?«

1787 wird der Mann, der sich nicht nur in der Körpererziehung, sondern auch in der Philosophie, Theologie, Psychologie, Geographie, Kunstgeschichte, in der Logik und den Naturwissenschaften auskannte und überdies ein umfangreiches Werk an Schriften und mehrbändigen Abhandlungen zu den verschiedensten Themen der Geisteswissenschaften vorzuweisen hatte, zum außerordentlichen Professor des Joachimsthalschen Gymnasiums zu Berlin ernannt.

Nun hätte er sich auf seinen Lorbeeren ausruhen und sich allein auf die Bildung des Nachwuchses verlassen können, doch als ernstzunehmender Vorläufer Kreuzberger Widerstandes konnte er es nicht lassen, sich noch einmal ordentlich mit seiner Regierung anzulegen. »Zum Teil unverhüllt« , wie Horst Wagner in der Berlinischen Monatszeitschrift vom Juni 1994 formuliert, »griff Villaume die offizizielle preußische Kulturpolitik an.« Schon mit den von ihm veröffentlichten »Freimütigen Betrachtungen« über das aufklärungsfeindliche Religionsedikt Friedrich II. machte sich der Professor keine Freunde, aber mit seiner »Prüfung der Rönnbergischen Schrift« zum Staatsrecht, die mit staatlichen Subventionen gedruckt wurde und der Unterstützung der Feudalherrschaft dienen sollte, brachte Villaume es endlich auch auf den Index. »Des Villaume Buch soll hier nicht gedruckt werden« , schrieb der Kultur- und Justizminister Wöllner 1791 an seinen König, und fügte hinzu: »Und ich werde den Kerl fortjagen, wenn er meinen Befehlen zuwiderhandelt.«

Das brauchte er jedoch nicht. Villaume, der seine Kampfansage im benachbarten Ausland, in Leipzig, hatte drucken lassen, verließ 1793 freiwillig jenes Land, in dem er nicht mehr leben wollte, und in dem man ihn nicht haben wollte. Er hängte den Talar an den Haken und ging nach Dänemark.

Dänemark hatte nur eine Zwischenstation auf dem Weg ins fortschrittlichere, aufgeklärte Paris sein sollen, aber in Kopenhagen traf er den Grafen Ludwig von Reventlow, den er bereits aus Berlin kannte, und der seinen fortschrittlichen Ideen aufgeschlossener gegenüber stand als die Preußen. Der preußische Philanthrop nahm verschiedene Lehrstellen an und verlor sein eigentliches Reiseziel allmählich aus den Augen, auch wenn er mit der Pariser Akademie für moralische und politische Wissenschaften eng verbunden blieb und 1795 sogar in ihren Kreis aufgenommen wurde. Für seinen Lebensabend kaufte er sich einen alten Bauernhof, um sich nun einmal ganz praktisch der Natur zuzuwenden. Der in Preußen längst vergessene Philanthrop Peter Villaume starb 1825 in Fuirendal im dänischen Exil. Aber auch dort wurde noch keine Straße nach dem Menschenfreund benannt. •


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