Kreuzberger Chronik
April 2017 - Ausgabe 188

Briefwechsel

Die Kirche ist finanziell überfordert


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von Heinz G. Wagner

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Heinz G. Wagner zu »Stadtoasen -Teil 1« -Nr. 186 Sehr geehrte Redaktion ! Wir leben in einer Zeit des schnellen Umbruchs: Donald Trump ändert viele Werte, in unsere Sprache fließen immer mehr Anglismen ein, die Kommunikationstechniken ändern sich blitzschnell, Computer ersetzen Werkbänke, und die Automobilbranche steht vor ihrem größten Umbruch! Selbst die Friedhofskultur ist nicht für ewig unveränderlich! Wo früher nur Beisetzungen stattfanden, wo Trauer herrschte und man hin und wieder jemand bei der Grabpflege sah, ist heute ein Wandel eingetreten; Friedhöfe werden vermehrt wie öffentliche Parkanlagen genutzt. Da spazieren entspannte Fußgänger durch die Reihen, Nachbarn sitzen lesend auf den Bänken, und Mütter sind mit Kinderwagen zum Stricken gekommen. Es finden Führungen statt, Bienenkästen werden aufgestellt, es gibt Cafés auf Friedhöfen. Auch die Art der Beisetzungen hat sich geändert: Schon lange werden keine aufwändigen Denkmäler und Mausoleen mehr errichtet. Der Trend geht zu Urnenbestattungen, anonyme Beisetzungen und Friedwälder nehmen zu. Es gibt mehr Freiflächen auf den alten Kirchhöfen, aber damit gehen auch die Einnahmen zurück. Klar, die Amtskirche ist nicht arm! Aber es kommt zu wenig Geld in den Gemeinden an. Etliche Gemeinden, die große Kirchen und Friedhöfe pflegen und erhalten müssen, sind finanziell überfordert. Zwar loben viele Besucher den »morbiden Charme« der alten Berliner Friedhöfe. Aber ohne viel Geld wird aus diesem Charme schnell Verfall! Da sind neue Ideen gefragt! Jetzt hat eine Friedhofsverwaltung einen mutigen Entschluss gefasst! Und schon wird mit vielfältigen, oft weit hergeholten Argumenten über sie hergefallen. Wir müssen uns darüber klar sein, dass der Wandel der Begräbniskultur durch wütende Diskussionen nicht aufzuhalten ist! Der Wandel sollte als Chance begriffen werden, Neues zu versuchen! Denn ohne Änderungen werden viele alte Grabanlagen bald für immer verloren sein! Wer keine Änderungen wagt, trägt zum Verfall dieser schönen Anlagen bei! Die rege öffentliche Anteilnahme, die Diskussionen über die geplanten Maßnahmen auf den Friedhöfen an der Bergmannstraße zeigen doch, wie groß das Interesse an diesem Ort der Ruhe, der Einkehr und Entspannung ist. Ich hoffe, dass er uns noch lange erhalten bleibt! Mit besten Grüßen - Heinz G. Wagner

Sehr geehrter Herr Wagner, Wir wiederum möchten, dass vor allem der viel zitierte »morbide Charme« dieses Ortes erhalten bleibt. Dafür ist eine behutsame Sanierung notwendig, die Respekt vor einer in vielen Jahren gewachsenen Kulturlandschaft hat, auf Neubauten verzichtet, alte Grabsteine nicht künstlich aufpoliert und keine Fassaden überstreicht. Das haben wir in unserem Viertel schon zu oft gesehen. Mit freundlichem Gruß, d. R.


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