Kreuzberger Chronik
Oktober 2016 - Ausgabe 183

Strassen, Häuser, Höfe

Mehringdamm Nr 55


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von Werner von Westhafen

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Auf der Suche nach einem alten Herrenzimmer

Da, wo einst der Fotograf Willy Römer wohnte, wohnt heute niemand mehr. Auch die Eingangstür zu seiner Wohnung ist verschwunden. Der Zugang zur ehemaligen Fotografenwohnung führt heute über das Café Sarotti, benannt nach der Schokoladenfabrik, die sich einst hier befand. Vom Café mit dem Tresen und den Kaffeehaustischen führen fünf Stufen aus dem Nachbarhaus in den Flur der ehemaligen Hochparterre der Nummer 55. Rechts von ihm liegt ein fensterloses Zimmer mit Kunstledersesseln, kleinen Tischen und einem Tresen für das Frühstücksbuffet, links geht es in ein Zimmer mit zwei Fenstern zur Straße hin und einem schmuckvollen Parkettfußboden. Dies könnte das einstige Herrenzimmer gewesen sein, von dem Willy Römer so geschwärmt haben soll, und in dem einst Künstler und Feuilletonisten rauchten, tranken und diskutierten. Heute sitzen durchreisende Finanzjongleure mit der FAZ und betuchte Touristen schweigend am Frühstückstisch.


Foto: Dieter Peters
Das alte Herrenzimmer, heute Frühstücksraum eines Hotels?


Darüber, wer nach der Vertreibung des Fotografen in die Wohnung zog, lässt sich spekulieren. Sicher ist, dass die Ortsgruppe Gneisenau der NSDAP 1936 Filmmaterial im Haus mit der damaligen Nr. 82 lagerte, und dass die Räumlichkeiten der Photothek mit ihren beschlagnahmten Lichttischen und Laboreinrichtungen gelegen gekommen sein müssen. Wer nach dem Abzug der Nazis die Wohnung nutzte, ist ungewiss.

Sicher ist auch, dass nebenan, im Nachbarhaus und auf der gleichen Etage, seit 1976 Jalousien und Markisen verkauft werden, und dass alle Räume aussahen, als seien sie lange ungenutzt gewesen. „Als wir hier einzogen, war das eine einzige Bruchbude!“ Von Herrenzimmern keine Spur. Auch Herr Czelskik, der schon in den Siebzigern als junger Mann in der Bastler-Zentrale im Vorderhaus der Nummer 55 arbeitete, kann sich nicht erinnern, dass die Wohnung über dem Heimwerkerladen eine feine Adresse gewesen wäre.

Gut erinnern können sich die Mieter im Haus nur an „King Kong“, einen etwas merkwürdigen, hochgewachsenen Sachsen, der im Hinterhof wohnte und immer wieder für Gesprächsstoff sorgte. Er trank gerne, fuhr einen Ford Granada, den gleichen wie Frau Ryck, die im Vorderhaus wohnte. Eines Nachts müsse er versehentlich ihren Wagen genommen haben - jedenfalls sei der Tank am nächsten Morgen leer gewesen und alle im Haus waren sich sicher, dass er nicht nur das gleiche Auto, sondern auch den gleichen Schlüssel besaß.

„Jedenfalls gab es jede Menge merkwürdiger Neuzugänge in den Siebziger- und Achtzigerjahren, und im Hinterhof waren Dutzende kleine Handwerksbetriebe,“ die alle noch mit Sarottis alter Dampfmaschine im Keller beheizt wurden. Erst vor kurzem ließ der neue Investor die Kessel aus dem Keller reißen - die letzten Zeugen des berühmten Zuckerbäckers Hoffmann, der schon 1913 die drei Häuser am Mehringdamm an die Druckerei Kühn & Söhne verkaufte, um in Tempelhof weiter an seinem Glück zu backen. Später übernahm ein gewisser Mettmann die Druckerei und die Häuser.

Arme Leute sind die Besitzer der 53, 55 und 57 nie gewesen, weshalb sie von der wenig begüterten Kreuzberger Mieterschaft der Siebzigerjahre nicht ohne Misstrauen beobachtet wurden. „Der alte Mettmann“ hatte mit seiner Druckerei den Krieg überstanden, was für Spekulationen über seine politische Unbescholtenheit sorgte, er be-saß „ein Anwesen in Bayreuth und eine Villa im Grunewald.“ Andererseits war er „relativ sozial und ließ Studenten für hundert Mark unter dem Dach wohnen, überall waren irgendwelche WGs“.

„Der Alte war ok, aber die Frau war ein Drachen.“, erinnert sich eine der ältesten Mieterinnen der Nummer 55. „Fünfundzwanzig Jahre jünger als er, so eine blonde Schönheit. Jedesmal, wenn sie mit ihrem Wagen auf dem Hof vorfuhr, hatte sie gleich eine Traube Männer um sich herum.“ Als der alte Mettmann, dem Lauf der Natur folgend, lange vor seiner Frau die Welt verließ, erbte der blonde Drachen das Imperium mit den drei Höfen und regierte fortan „mit eiserner Hand.“

Auch Frau Ryck, die mit ihrem Mann nach dem Krieg in einer Ruine im Hinterhof einzog und 1957 einen kleinen Laden mit Heimwerkerbedarf und Tischlerei eröffnete, kann sich gut an die alte Mettmann erinnern. „Anfangs wohnten wir noch im Laden, dann zogen wir in den Seitenflügel, und 1963 endlich ins Vorderhaus.“ Aus dem Keller war ein Souterrain geworden, aus der Werkstatt und dem Lager des Tischlers die „Bastler-Zentrale“ mit Treppen und Tür zur Straße. Die Geschäfte liefen gut, es gab viel zu reparieren in Berlin. Aber kaum war der alte Mettmann verstorben, wurde es ungemütlich im Haus, und als die Mauer fiel, verlangte die alte Mettmann von einem Tag auf den anderen 10.000 Mark Miete. Über dreißig Jahre hatten die Rycks in der 55 gewohnt und gearbeitet. Jetzt zogen sie aus.

Frau Ryck ist die letzte, die noch etwas sagen kann über die Wohnung, die dem Fotografen gehört haben muss. Sie wohnte „eine Treppe“ schräg gegenüber und war öfter dort, um für das alte Ehepaar einzuholen. „Aber mir ist nie etwas besonders aufgefallen dort. Natürlich waren das hohe Wände, der Stuck und das Parkett... - das hatten wir ja auch. Aber das war alles ziemlich glanzlos und eine ganz bescheidene Wohnung.“ Von einem Fotografen hat sie nie gehört, nie eine Spur entdeckt, nicht in der Ruine, nicht im Keller, nicht im Seitenflügel. Nirgends eine Spur.

Dass die Sarotti-Höfe 1969 zum »geschützten Baubereich« erklärt wurden, half nichts. Auch Berggruen, der aktuelle Großinvestor mit dem Image des Kulturmäzens, schreckt vor keiner Geschichte zurück und hat als neuer Eigentümer zunächst einmal allen Gewerbetreibenden gekündigt. Um ein Hotel zu eröffnen. •


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