Kreuzberger Chronik
Mai 2016 - Ausgabe 179

Reportagen, Gespräche, Interviews

Kreuzbergs neue Nachbarn


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von Edith Siepmann

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1500 Menschen leben derzeit in drei öden Hallen am Rande Kreuzbergs. Zu sehen sind sie nie. Ein Blick hinter die Kulisse.

Die Bewohner des Chamissokiezes haben Zuwachs bekommen. Bald ziehen am Columbiadamm, Ecke Friesenstraße, neue Mitbewohner in einen gerade fertig gestellten Wohnblock. Die hochwertigen Eigentumswohnungen des Edel-Immobiliendealers Ziegert kosten 4500 Euro pro Quadratmeter. Alle Einheiten sollen verkauft sein. Der Name der neuen Häuserflucht ist »Neue Freiheit« und soll ein »neues Wohngefühl« vermitteln. Er erinnert vage an ein rechtes Wochenblatt, bezieht sich aber auf das alte Bauvorhaben namens »Tempelhofer Freiheit« gegenüber am Ex-Flughafen. Mit dem Volksentscheid wurde dieser Plan auf Eis gelegt, die Schilder hängen allerdings noch am Flughafen. Das Design des neuen Hausblocks mit seinen aschgelben Klinkern und den schießschartenartigen Fensterfluchten ist laut Website inspiriert von der Naziarchitektur des monumentalen Gegenübers.


Foto: Edith Siepmann
Die Wirklichkeit von Krieg und Elend hat nun dazu geführt, dass dort, auf der anderen Seite des gentrifizierten Edel-Kiezes, seit fünf Monaten neue Nachbarn aus fernen Ländern leben. In der Hoffnung auf Schutz und Sicherheit sind die Geflüchteten nach langen Strapazen erst einmal auf dem Flughafen Tempelhof gelandet. Schilder mit der Aufschrift »Tempelhofer Freiheit« weisen zu den Hangars. In vier von ihnen hausen derzeit 1500 »Flüchtlinge« unter unakzeptablen Bedingungen, ein Drittel sind Kinder. Hinter den abweisenden Fassaden, die an eine Filmkulisse aus »Metropolis« erinnern, warten sie auf ihren Asylbewerberstatus und den Umzug in Gemeinschaftsunterkünfte.

Wer sind diese Menschen, was machen sie, wer hat mit ihnen zu tun? Seltsamerweise fallen sie gar nicht auf im Chamissokiez mit seinen 15.000 Anwohnern. Jeder Zehnte im Viertel müsste ein Geflüchteter sein, doch man sieht sie weder in der Markthalle noch auf der Bergmannstraße. Sie kaufen nicht bei Netto, spielen nicht auf den Spielplätzen, joggen nicht auf dem Tempelhofer Feld. Aber es gibt sie!

Der Weg zu ihnen führt auch für Helfer und Besucher durch ein Drehkreuz mit Scanner. An der Containerwand hängt ein Plakat des Roten Kreuzes mit Fotos vermisster Personen. Wie einst, nach dem Zweiten Weltkrieg, werden Brüder, Kinder, Tanten, Väter, Freunde gesucht, die auf der Flucht verloren gingen. Durch einen Empfangsraum, vorbei an Sicherheitsleuten, gelangen die Besucher in die riesigen Flugzeughallen. Theresa Jocham von der Kommunikationsabteilung der Tamaja Soziale Dienstleistung GmbH, die die Notunterkunft betreibt, erklärt die verschiedenen Hangars: Nummer 2, 4, 7 und 8 sind belegt, in der 3 werden endlich Sanitäranlagen eingebaut.

Weiße, dünne Plastik-Messewände teilen 24 Quadratmeter große Räume ab. Nach oben zur dunklen Hangardecke hin sind sie offen, in ihnen stehen je 6 Doppelstockbetten für 12 Personen. Sonst nichts. Weder Stuhl noch Regal, Tisch oder Lampe. Kleider werden über die Plastikwände geworfen, Kinder werden aus dem unruhigen Schlaf gerissen, Erwachsene schlafen erst gar nicht ein. Eine Schall isolierung zwischen den Wohnzellen gibt es nicht, Privatsphäre auch nicht. Die Apparatur, die warme Luft in die riesigen Hallen bläst, erzeugt einen monotonen Dauerton, das Licht ist diffus.

Über Asphaltflure rennen Kinder. Männer sitzen auf dem Boden unter den Steckdosen, das Smartphone in der Hand, die letzte Verbindung zur Heimat. Andere dösen oder spielen Karten. Ein Afghane fragt nach einem Dolmetscher, er muss morgen zum LAGeSo. »Tagsüber warten die meisten auf irgendwelchen Ämtern, deshalb sieht man sie kaum auf der Straße. Aber am Wochenende sind alle hier, dann kommt es auch zu Konflikten.« Es ist kein Platz hier für so viele Menschen. Eigentlich, erklären die Betreiber, sei die Notunterkunft ja nur für zwei bis drei Wochen gedacht, dann soll die Verlegung in eine Gemeinschaftsunterkunft erfolgen. Doch viele Geflüchtete sind nun schon seit mehreren Monaten hier, sie haben sich, so gut es geht, arrangiert. So wie die 18-jährige Zahra aus Afghanistan, die in der Kleiderkammer hilft. Sie kann Englisch, will aber nicht viel sprechen, nur mithelfen.

Foto: Edith Siepmann
Die sterilen Plastikwände der Wohnquadrate sind inzwischen voller Zeichnungen und Aufschriften. Vieles ist auf Arabisch verfasst und darf nicht fotografiert werden. Niemand weiß, was da eigentlich steht, und »deswegen soll das nicht raus.« Anderes ist leicht verständlich: »Thanken you Merekel« , »We would like to thank Germany government and People for recept Iraqi and Syrian refugees« , »I love Syria« , »Berlin« . Viele Porträts an den Wänden: Freundinnen, Schwestern, nicht mitgekommene Verwandte, Popstars. Das ist berührend.

Theresa Jocham ist jung und voller Energie. Im Flughafen ist sie mittendrin in der globalen Realität. Wie Schäuble sagte, hat »Deutschland jetzt ein Rendezvous mit der Globalisierung« , also auch mit den Folgen der Ausbeutung durch die Erste Welt, der Kriegseinsätze. Die Tamaja GmbH versuche vieles, um die Situation der Geflüchteten erträglicher zu machen. »Aber ohne das Engagement der Ehrenamtlichen geht im sozialen Sektor und im Freizeitbereich gar nichts. Wir brauchen die Freiwilligen.« Deswegen arbeitet die Tamaja GmbH eng mit der Initiative THF Welcome zusammen. Sie hat es geschafft, Helfer zu aktivieren, die die Kleiderspenden sortieren. Doch die Arbeit in den stickigen Räumen zwischen Kleiderbergen ist anstrengend, die Freiwilligen werden weniger. Aber für bezahlte Arbeitskräfte haben weder der Senat noch die Tamaja GmbH Geld übrig. Daran wird auch das Begegnungscafé nichts ändern, das im Hangar 1 eröffnet werden soll, damit Geflüchtete und Anwohner endlich zusammenfinden. Mit Zugang für alle. Aber wer wird kommen?

Eine andere Sozialfirma will vor allem die »allein reisenden jungen Männer« mit Kreuzbergern zusammen bringen und bietet gemeinsame Aktivitäten wie Fußball, Museumsbesuche, Gartenarbeit, Boule- oder Musikspielen an. Trialog möchte gerne eine Schnittstelle zwischen Geflüchteten und Berlinern schaffen, allerdings nur einmal die Woche, jeden Freitag um 16 Uhr. Treffpunkt ist auch nicht der Fußballplatz, das Tempelhofer Feld oder das Kreuzberg Museum, sondern das Security-Drehkreuz vor Hangar 3!

Um noch mehr unbezahlte Sozialarbeiter zu akquirieren, hat man, kaum zu übersehen, einen gelben Infobus auf dem Parkplatz am Columbiadamm abgestellt. An drei Nachmittagen in der Woche warten die Sozialarbeitsvermittler auf potentielle Helfer und informieren über die Einsatzmöglichkeiten vor Ort. Auf dem Asphalt lockt mit Ölkreide der Spruch des irischen Nationaldichters William Butler Yeats: »There are no strangers here, only friends, that you haven´t yet met.« Gesucht werden Mitarbeiter für Deutschkurse und Nähkurse, für die »Asylothek« und die Kinderbetreuung, für verschiedene Sport- und Freizeitangebote, und wer gar nichts davon mag, darf mit den Asylbewerbern sogar die Stadt entdecken oder einfach spazierengehen. Alles ist möglich, alles erlaubt, um beim Ankommen in der neuen Welt zu helfen. Solange es nichts kostet. Denn ohne die Ehrenamtlichen müsste der Staat tatsächlich einmal Arbeitsplätze schaffen.

Aber die Freiwilligen scheinen weniger zu werden. Am letzten Sonntag war der Infobus nicht mehr besetzt. Auch auf dem Online-Volunteer-Planner werden die Eintragungen weniger. »Aus den Augen, aus dem Sinn?« , steht neben Yeats auf dem Asphalt. Ist die Luft raus? Gibt es zu wenig Erfolgserlebnisse? Sollten die unbezahlten Helfer sich am Ende ausgenutzt fühlen? Es scheint, als wachse die Skepsis gegenüber dieser staatlich regulierten Nächstenliebe.

Doch gibt es neben den staatlichen Maßnahmen erfolgreiche Alleingänge: Im Yorckschlösschen fand bereits zum zweiten Mal eine auch musikalisch phantastische Refugees Welcome Jam Session statt, und in der Martin-Luther-Kirche trat ebenfalls erfolgreich ein von Syrern gegründeter Chor auf und sucht seitdem weitere Mitglieder.


Foto: Edith Siepmann
Derweil aber kommen weiter Männer und Frauen mit leisen Stimmen und gedrücktem Blick in die Kleiderkammern und deuten auf das Piktogramm für Jacken oder lange Pullover. Letzten Montag fand sich der zwölfjährige Junge Rahib ganz allein vor den Holztischen ein und wollte neue Schuhe. Er sah sich die in seiner Größe an, alle ziemlich abgelatscht. Dann entschied er sich zielstrebig und ohne Worte für ein Paar gebrauchte Nikes mit kleinem Loch rechts vorne. Seine alten Schuhe zog er aus. Wir sahen die durchlöcherten Sohlen vom langen Weg nach Europa, Deutschland, Berlin, Tempelhof.

»Rahib«, das bedeutet willensstark, intelligent. Sie haben seine alten Schuhe aufgehoben. Sie gehören ins Deutsche Historische Museum. •


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