Kreuzberger Chronik
März 2016 - Ausgabe 177

Reportagen, Gespräche, Interviews

Kein Frieden auf dem Friedhof


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von Hans W. Korfmann

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Vom Sterben allein kann kein Friedhof mehr leben.
Man sucht nach neuen Einnahmequellen.
Und man ist fündig geworden.


Das Grab zwischen den zwei Birken mit der Bank in der Sonne ist ein romantischer Ort. Von einem Ast hängen die bunten Gläser eines Windspieles und erzeugen leise Töne, wenn der Wind durch die Zweige der Birken weht. Viele kleine Lichter leuchten, Feldblumen wachsen, ein Lippenstift liegt da, eine Handvoll Mandeln, von denen man nicht weiß, ob sie für die Verstorbene oder für die Eichhörnchen sind, eine Schildkröte blickt in die Runde. Eines Abends im November leuchtete aus der Wiese vor dem Grab ein großes Herz aus unendlich vielen kleinen Teelichtern. Es vergeht kein Tag, an dem nicht jemand dieses Grab besucht, immer gibt es frische Blumen, bleiben Menschen vor der Unbekannten stehen und lesen einige ihrer vermeintlich letzten Worte: Ich will noch nicht gehen, ich möchte noch ein bisschen tanzen.

Foto: Dieter Peters
Das Grab zwischen den Birken ist kein Ehrengrab. Niemand wird die allmählich verblassenden Buchstaben im Stein einmal mit Gold nachzeichnen, keine Gedenktafel vom Leben berichten, keiner der Audioguides, die es inzwischen auch für die historischen Friedhöfe an der Bergmannstraße gibt, zu ihrem Grab führen. Und doch gibt es Menschen, die so gerührt sind, dass sie sich zuhause auf die Suche machen und nachlesen, dass die, die hier zwischen den Birken ruht, nur sechzehn Jahre alt wurde, dass sie mit der Klasse noch in Paris gewesen war, dass diese Reise ihr noch einmal viel Spaß gemacht hatte, bevor das Leben dann doch endete.

Dieser Ort ist ein schönes Beispiel für die Kultur des Erinnerns, des Nicht-Vergessens. Er ist ein Ort, an dem die Würde des Menschen noch unantastbar scheint. Doch die Zeiten ändern sich, auch dort, wo die ewige Ruhe einkehren sollte. Es ist laut geworden. Wo einst Gärtner pietätvoll mit dem Rechen das Laub von den Wegen und den Wiesen fegten und auf Trauernde Rücksicht nahmen, verkehren heute die landwirtschaftlichen Maschinen aus dem aufgerüsteten Maschinenpark der Friedhofsverwaltung. Wo einst Schubkarren voll schwarzer Muttererde quietschten, brummen die Kleintransporter, von morgens früh um sieben bis abends um vier. Frieden gibt es auch auf dem Friedhof nur noch in finsteren Nächten.

Foto: Dieter Peters
Selbst am Sonntag herrscht im Café Strauss Hochbetrieb, an den Kaffeehaustischen neben den Gräbern wird gelacht, mitunter auch über Börsenkurse und Immobilienpreise diskutiert. Ein Mieter aus einem der denkmalgeschützten Wirtschaftsgebäude des Friedhofes parkt gerade seinen blauen Porsche auf dem neu gepflasterten Parkplatz hinter der Friedhofsmauer, der eigentlich »eine Stellfläche für den Maschinenpark” sein sollte. Und an sonnigen Sonntagen gibt es keine freie Bank mehr an der Bergmannstraße, ganze Gruppen von Touristen wandern zwischen den alten Steinen und den von Eichhörnchen und tausenden Vögeln bewohnten Bäumen umher, als wäre der Friedhof ein Naturpark.

Die Friedhofsverwaltungen, die sich vor wenigen Jahren noch über die Sonnenanbeter auf den Wiesen und Bänken beklagten und immer wieder darauf hinwiesen, dass der Friedhof ein Friedhof und keine Parkanlage sei, scheinen umgedacht zu haben. Es könnte sein, dass ihnen diese Entwicklung zum Friedhofspark gerade recht kommt, denn vom Sterben allein kann kein Friedhof mehr überleben, seit es kostengünstige Urnengräber und immer weniger Tote gibt. Doch diejenigen, deren Angehörige hier liegen, fühlen sich gestört.

»Wir brauchen hier keine Infobox für Touristen, sondern einen Blumenladen!«, schrieb eine Nachbarin an die Fensterscheibe des Blumenladens von Frau Rothe, der zum Jahresende geschlossen wurde. Die Gärtnerin am Eingang zum Dreifaltigkeitsfriedhof verkaufte nicht nur Blumen, Kerzen und Grabschmuck, sondern lieh den Nachbarn auch ihre Schaufeln, Spaten und Gieskannen. Doch jetzt, so hatte sie den Nachbarn erzählt, solle es nur noch den Gärtner am anderen Ende des Friedhofs geben. »Das ist für uns ein weiter Weg, zum Südstern und wieder zurück!«, sagt eine alte Frau, die ihren Mann hier beerdigt hat. »Aber mit uns können sie´s ja machen!«

Die Friedhofsverwaltung reagiert auf die Besorgnisse mit christlicher Besonnenheit. Man sei doch gerade erst dabei, die Angebote einzuholen, und es hätten sich jetzt auch zwei Gärtner für das Häuschen beworben. Neben verschiedenen Gastronomen und einem vegetarischen Imbiss. Vielleicht könnte es eine Kombination aus beidem geben, Informationszentrum und Café, aber ein Currywurststand sei definitiv ausgeschlossen.

Doch der Gedanke an einen kleinen, friedhofseigenen Souvenirladen mit Postkarten, einem gebundenen Friedhofsführer, ausleihbaren Audioguides, kulturhistorischen Büchern und Blumensträußen scheint den Friedhofsbetreibern schon einmal durch den Kopf gegangen zu sein. Schließlich hat die Wirtschaftlichkeit des Betriebes oberste Priorität bei der Verwaltung. Bestattungen, heißt es, seien noch immer der Kernerwerb, aber um die Zukunft des Friedhofes zu sichern, müsse man auch bereit sein, Kompromisse einzugehen. Der Tourismus als mögliche Nebenerwerbsquelle ist so ein Kompromiss, ein weiter Spagat zwischen Gott im Himmel und dem Mammon auf Erden.

Um das Geschäft mit den kommenden Touristen zu forcieren, polieren eifrige Restauratoren schon seit längerem den Granit der alten Grabsteine, bis er glänzt wie die Verkaufshallen bei Mercedes Benz. Wo in vielen Jahren Schnee, Regen und Sonne die Buchstaben der Grabinschriften weichgezeichnet und ihnen die Patina des Alters verliehen haben, zieht der Architekt die Linien wieder mit dem Lineal nach, bis es aussieht, als sei Philipp Konrad Marheineke erst letzte Woche verstorben - und nicht vor 170 Jahren. Auf das romantische Rostrot der schmiedeeisernen Geländer unter knorrigen, uralten Buchsbäumen wird glänzendes Schwarz aufgetragen, und Bäume werden gestutzt, um Platz für die Maschinen zu machen. Dabei war es gerade die unbändige Natur, die sich an diesem stillen Ort zwischen den Grabsteinen an der Bergmannstraße ausgebreitet hatte, die dieser Stadtlandschaft einen ganz besonderen Charme verlieh und sie schließlich auch für Touristen attraktiv machte.

Dieser Friedhof, sagt Frau Schmitt, die seit vielen Jahren jeden Tag kommt, um die Vögel zu füttern, »ist nicht mehr das, was er einmal war. Überall wird gefällt und gerodet, aufgeforstet wird nirgends.« Auch am östlichen Ende der Jüterboger Straße, gleich hinter den Containern der Versicherungsvertreter, wurden jetzt mehrere Bäume gefällt. Sie fielen für die neuen Flüchtlingsquartiere, die noch in diesem Jahr neben den Kriegsgräbern entstehen sollen. Schon jetzt sind Baumaschinen dabei, das Land für die zwei dreißig Meter langen und fünfzehn Meter hohen Gebäude herzurichten, die viele Gräber in den Schatten tauchen werden. Und schon jetzt wird der Baulärm von Angehörigen als störend empfunden.

Die Friedhofsverwaltung weiß, dass an dieser Stelle das Gebot christlicher Nächstenliebe mit dem der Totenruhe und der Pietät kollidiert, aber »wir müssen eben manchmal Kompromisse eingehen.« Und der Kompromiss mit den Touristen ist vielleicht noch nicht genug. Geplant sind 53 Appartements auf dem Friedrichswerderschen Kirchhof für 140 Flüchtlinge, die bereits in einem der Erstaufnahmelager waren, registriert sind und auf ihr Asylverfahren warten. Gebaut werden sollen bis zu fünf Stockwerke in moderner und ökologischer Modulbauweise, es wird für jede Wohnung eine Küche und ein Bad geben, sogar ein Café ist geplant, mit einer kleinen Terrasse zur Jüterboger Straße hin. Vorbild für die Unterkunft im Grünen sind die akkuraten Studentenwohnheime in Heidelberg und Trier, denn «Container”, sagt Ekkehard Gahlbeck vom evangelischen Friedhofsverband Berlin Stadtmitte, «haben wir hier schon genug.” Auch die Friedhofsverwaltung legt Wert auf Nachhaltigkeit, denn niemand weiß, wie lange die Flüchtlingswelle anhält, und ob die hübschen Appartements im Grünen nicht vielleicht doch schon bald als komfortable Wohnungen »vielleicht für Künstler oder Studenten« vermietet werden können.

Foto: Dieter Peters
Für die Vogelfreundin ist das »Immobilienhandel unter dem Deckmäntelchen der Nächstenliebe«. Sie könnte recht behalten, denn die aktuelle Planung auf dem Friedhof ist »nur die erste Baustufe« eines weitaus größeren Bauprojektes. Etwa ein Hektar, also die gesamte unbebaute nördliche Seite der Jüterboger Straße, muss laut Vorgabe des Senats in Bauland umgewandelt werden. »Wenn wir alle schon tot sind«, sagt Herr Gahlbeck, »wird auch diese Baulücke mit mehreren Gebäuden geschlossen sein.” Wahrscheinlich mit Gebäuden, in denen kein Flüchtling mehr wohnt, sondern gut zahlende Mieter oder Besitzer neuer Eigentumswohnungen. Denn die Kirche darf auch verkaufen.

Um aus Grünland Bauland zu machen, brauchte der Senat, anders als auf dem Tempelhofer Feld, nicht einmal das Gesetz zu ändern. Der bereits im November 2014 modifizierte § 35 des Baugesetzbuches ermöglicht auch auf kirchlichem Boden eine problemlose Umwandlung. Für den evangelischen Friedhofsverband, der nichts anderes ist als ein praktischer Zusammenschluss aus finanzieller Not, scheint die Umwandlung so etwas wie die letzte Chance zu sein.

Tamara Schmidt glaubt das nicht. »Die Kirche hat soviel Geld, dass sie schon nicht mehr weiß, was sie damit machen soll. Die hat allein im letzten Jahr 296 Millionen Euro aus der Staatskasse erhalten - als Ersatzzahlungen für Vermögensverluste der Kirchen zur Zeit der Reformation und des Reichsdeputationshauptschlusses von 1803. Und dann fehlt es angeblich an Geld, um einen Baum zu pflanzen!«

Doch der Friedhofsverband bleibt dabei. »Wir wollen mit der Randbebauung den Erhalt des Friedhofes sichern”. Man müsse einen kleinen Zipfel opfern, um den großen Rest zu retten. Mit diesen zusätzlichen Einnahmen könne man Grünflächen pflegen, die seit den Achtzigerjahren auf Grund schon am Verwildern gewesen seien, und der »Verpflichtung zur Wegesicherung« nachkommen. Man habe nicht einmal genügend Geld gehabt, um die Wege pflastern zu können.

Aus diesem Grund handelte der Verband bereits 2006 mit dem Senat ein Konzept aus und verpflichtete sich, von insgesamt 265 Hektar Friedhofsflächen in Berlin 120 Hektar zu entwidmen, von denen allerdings nur ein Drittel bebaut werden und der Rest weiterhin Grünland bleiben soll. Dieser »Friedhofsentwicklungsplan« des Senats beinhaltet für jeden Friedhof exakte Vorgaben, auch für die Höfe an der Bergmannstraße. Etwa ein Hektar Grünland soll hier bebaut werden.

Für Architekten und Stadtplaner ist die unbebaute Straßenseite der Jüterboger Straße allerdings optimal. Und sollten in den späteren Bauabschnitten, wenn der Flüchtlingsstrom versiegt ist, neue Gebäude »mit Wohnungen, Cafés und Gewerbeflächen« entstehen, dann werden die Quadratmeterpreise beim Verkauf oder bei der Vermietung sicherlich ausreichen, um auch in trockenen Sommern das Grün zwischen den Gräbern mit Sprenklern zu verwöhnen, und um noch weitere Parkplätze für neue Maschinen und Sportwagen zu bauen.

Vielleicht hilft es dem Frieden auf der Welt, wenn die Kirche Nächstenliebe beweist und Flüchtlinge aufnimmt. Dem Frieden auf dem Friedhof dient diese Maßnahme nicht. Vor allem jene, die noch Angehörige auf den bereits verplanten Flächen haben, und die nach Ablauf der gesetzlichen Ruhezeit einen anderen Ort für die doch nicht ganz ewige Ruhe suchen müssen, sind enttäuscht und verärgert. Schon jetzt kreisen die Maschinen um zwei Gräber, die den Planungen im Wege sind. Es sieht aus, als lägen diese Grabstätten bald im Vorgarten der neuen Wohnbauten.

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