Kreuzberger Chronik
Mai 2012 - Ausgabe 137

Kreuzberger
Rainer Schallert

Das einzig Schöne war die Turnhalle


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von Hans W. Korfmann

Titelfoto: Privat

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Das einzig schöne war die Turnhalle

Rainer Schallert ist eigentlich Kreuzberger. Immer, wenn sich der Weg gabelte, wenn er sich zwischen hier und dort entscheiden musste, dann war das irgendwo zwischen dem Mehringdamm und dem Hermannplatz. Er ging in der Gräfestraße zur Schule, am Mehringdamm in die Lehre, und in den Lokalen und Bühnen entlang der Hasenheide kreuzten sich die Wege all jener Leute, die er bis heute nicht vergessen hat: Musiker, Freunde, Frauen. Hier an der Hasenheide war es auch, wo ihn Geno Washington fragte, ob er nicht mit der »Ram Jam Band« nach England kommen wolle. Sie bräuchten einen guten Bassisten. Rainer Schallert blieb in Kreuzberg. »Mein Glück. Von denen, die gegangen sind, ist kaum einer zurückgekommen«, die blieben alle an den Drogen hängen.

Begonnen hat der Weg von Rainer Schallert jedoch nicht in Kreuzberg, sondern im Wedding, Liesenstraße 10, vier Treppen. Vor dem Haus war der Friedhof mit seinen Bäumen, in denen die Kinder herumkletterten, mit Katschis schossen und den Mädchen auflauerten. Es war eine ganz normale Berliner Kindheit, bis zum August 1961, als Rainer ins Schullandheim nach Baden-Baden fuhr. Da saßen die Weddinger Kinder abends vor dem Radio und erfuhren vom Bau der Mauer. Rainer ahnte, dass die Mauer einen Strich durch den Garten seiner Kindheit ziehen würde. »Wir wollten nicht mehr zurück, da waren fünf oder sechs von uns, die haben sich mit Händen und Füßen gewehrt, in den Zug zu steigen. Aber wir hatten keine Chance.« Zurück in der Liesenstraße stand Rainer am Fenster und blickte auf die Friedhofsmauer, über die sie als Kinder so oft geklettert waren, und die nun zur innerdeutschen Grenze geworden war, an der Soldaten patrouillierten.

»Mein Zimmer war die ganze Nacht taghell erleuchtet, die Grenzlaternen strahlten genau ins Zimmer. Lampen mit wunderschönen Porzellanschirmen. Und ich hatte noch ne Katschi,
und mein Bruder den Keller voller alter Kugellager, wegen der Seifenkisten, die er immer baute. Und dann segelten die Schirme freundlicherweise wie Ufos zu Boden und zerschellten.« Mehrmals ersetzten Grenzbeamte die Lampen, aber es war ein hoffnungsloses Unterfangen, immer wieder tauchte Rainer die Liesenstraße in Dunkelheit.

Rainer war rebellisch. Eine Eigenschaft, die keinem echten Rockmusiker fehlen darf. Zwar hatte der Junge einst Gesangsunterricht genossen und im Knabenchor des Berliner Lehrer-Gesangvereins gesungen, er hatte Noten und Blockflöte gelernt, aber ein Musterschüler war er nie. Auch sein Onkel, der Geigenbauer, hatte keinen Erfolg, als er dem Jungen eine Geige schenkte. Die »quietschte schlimmer als die Blockflöte! Das war selbst für meine Ohren eine Zumutung!«

Also blieb nur noch der »Fuchsbau«, ein Jugendclub mit einem schallisolierten Übungsraum. Das war schon eher etwas für den Rainer. Und als die Secrets, eine Band seiner Klassenkameraden, einen Bassisten suchten, tauchte das erste Mal dieser Name auf: »Bass-Rainer«. Aber als Michael Hauke, der Schlagzeuger, die Schulband verließ und zu den Hown Dogs ging, verließ auch Bass-Rainer die Truppe des Ranke-Gymnasiums.

Foto: Privat
Als er wenig später auch noch Ärger mit einer dieser braven Lehrerinnen bekam, verließ er die Weddinger Schule komplett und wechselte aufs Robert-Koch-Gymnasium in die Graefestraße, ein »düsterer Monumentalbau, das einzig schöne daran war die Turnhalle.« Dennoch war es eine der glücklichsten Entscheidungen, die Schallert getroffen hat. Denn in der Nähe der Schule lagen die Hasenheide und jede Menge Kneipen. Eine davon war die Neue Welt, in der jeden Samstag und Sonntag im Kleinen Saal Rock und Jazz gespielt wurde.

In Kreuzberg war es dann auch, wo er sich entschloss, Gitarrenunterricht zu nehmen. Bei einem gewissen Peter Pfarr. Er übte auf einem halbakustischen Bass, bis die nicht gerade leichtgewichtige Lebensgefährtin des Musiklehrers ihn eines Tages als Sitzgelegenheit missbrauchte. Rainer bot 150 Mark für das zerbrochene Stück. Er kannte einen Gitarrenbauer, der den Framus Starbass 150 wieder zusammenleimte. Nun steht der Bass, auf dem zuerst Paul McCartney und am Ende Bass-Rainer das Zupfen und Schlagen lernte, an einem Ehrenplatz zwischen all den anderen Erinnerungsstücken.

Paul McCartney selbst hat der Bassist jedoch nie getroffen. Auch Mick Jagger nicht. Aber er war dabei, als die Stones 1964 auf dem Pier von Hastings auftraten. Einige Schüler des Kreuzberger Gymnasiums konnten an einem Schüleraustausch teilnehmen und blieben ein halbes Jahr im Land des Rock´n´Roll. Die Entscheidung, diese Reise anzutreten, war eine der glücklichsten, die »Bass-Rainer« traf. Denn es war damals in England, wo er Peter Weisbach traf, der ebenfalls als Austauschschüler in der Gegend war, und der mit den Beat Cats bereits im Liverpooler Cavern Club aufgetreten war.

"Und das war mein Schlagzeuger...." Foto: Privatarchiv
Das Leben in Tunbrigde Wells, wo Rainer wohnte, war im Grunde öde, »abends wurden die Gehsteige hochgeklappt und die Fenster verriegelt«, nicht einmal die Partys machten Laune, weil sie die Getränke selbst mitbringen mussten, und weil das »New Castle Brown Ale«, das berühmte »Rock n Roll Beer«, in den vielen Taschen der Armeeklamotten immer schon warm war, wenn sie ankamen. Deshalb flüchteten sie manchmal bis nach London, nur um ein Bier zu trinken. Aber eine Party gab es dann doch noch. Rainer packte den Schlafsack ein und trampte nach Hastings, wo die Stones auf dem alten Pier auftreten sollte – eine Band, der man nachsagte, sie seien besser als die Beatles. Deshalb waren nicht nur die ersten Stones-Anhänger gekommen, sondern auch einige Beatles-Fans, die sich vor dem Pier jene wilde Schlägerei lieferten, die als zweiter »Battle of Hastings« in die Geschichtsbücher des Rock n Roll einging. Rainer Schallert war mittendrin und hatte »Schiss ohne Ende, ich wollte nur noch nachhause. So wie ich aussah, mit meinem deutschen Klamotten, konnte mich keiner einordnen – ich war zwischen den Fronten geraten.«

Als der junge Bassist nach Berlin heimkehrte, hatte er zwei Singles im Gepäck: Twist and Shout von den Beatles und »Stoned« von den Stones. Und wenig später dann feierte er auch seine ersten Erfolge mit einer Band namens Foes. Sie spielten im Blauen Affen und in den Kreuzberger Festsälen. Doch dann entschieden sich die anderen plötzlich, »seriös zu werden«, einer wurde Jurist, der andere Polizist... Auch der Bass-Rainer hatte das kurz versucht, am Mehringdamm Nr. 33, zweiter Hinterhof, Elektrogroßhandel Scholz. Da Rainer sich weigerte, die Haare kürzer zu schneiden, musste er zur Strafe das Lager aufräumen. Als er im Fach des Prokuristen, eines kleinen, schüchternen Mannes, diesen überdimensionalen Büstenhalter entdeckte,
Mit den Foes Foto: Privatarchiv
trat er auf den kleinen Mann zu und fragte, wohin er dieses Teil denn nun räumen solle. Die Augen aller Angestellten wanderten vom Wäschestück über den kleinen Prokuristen zur Buchhalterin. Allen war plötzlich klar, weshalb die beiden Mitarbeiter stets so fleißig Überstunden machten.

Die Folge war, dass Bass-Rainer seine Karriere am Mehringdamm frühzeitig beenden musste. Er kehrte vom Elektro-Scholz zum Elektrobass zurück. Und als er eines Tages Peter Weisbach wiedertraf, suchte der gerade einen Bassisten für seine Beat Cats– eine Band, die längst einen Namen hatte. Drei Jahre war Rainer mit den Cats unterwegs, beinahe jedes Wochenende standen sie in der Neuen Welt auf der Bühne im kleinen Saal. Immer wieder kam Hazy Osterwald herüber und beklagte sich, dass sie zu laut seien. »Die Bühne des großen Saales lag genau hinter der des kleinen Saales, deshalb standen das Tanzorchester und die Rocknroller gewissermaßen Rücken an Rücken. Und wenn Rainer den Bass aufdrehte, dann wummerte es bis in den Tanzsaal hinüber. Das Verhältnis zu Hazy und den anderen Tanzorchestern war gespannt, doch wenn der Hausmeister vergaß, die Verbindungstür zwischen den beiden Bühnen abzuschließen, dann saßen die Beat Cats trotzdem drüben an den Bockbiertischen und löschten nach der Arbeit ihren Durst.

Während Osterwald so etwas wie das Hausorchester der Neuen Welt war, waren die Beat Cats die Hausband. Und wenn vor Manfred Mann oder den Walker Brothers noch ein paar Vorbands spielten, dann • spielten in der Regel auch die Beat Cats. Fünfzig Mark bekam jeder von Ihnen für das Aufwärmen des Publikums. So auch am 15. Mai 1967, als »Jimi Hendrix und the Experience aus London« zu Besuch kamen. Neben Manuela, The Shatters und The Restless Sect standen auch Rainer Schallert und die Beat Cats auf dem Programm. Und da Mitch Mitchel unbedingt eine zweite Bass-Drum haben wollte, fragte er, ob die Beat Cats nicht ihre Trommel einfach auf der Bühne lassen könnten. So entstand ein Foto von dem Schlagzeug, auf dem in dicken Lettern Beat Cats steht. Es hat einen Ehrenplatz im Privatmuseum des Bassisten Rainer Schallert eingenommen. »Das war mein Schlagzeuger, und der hier mit der Glitzerjacke und den Schlaghosen, das war mein Gitarrist...«

Da niemand so gut Englisch konnte wie der ehemalige Austauschschüler des Robert-Koch-Gymnasiums, übernahm Bass-Rainer die Dolmetscherfunktion. »Jimi war total neugierig, er wollte alles wissen, über die Mauer, den Krieg, die Stadt. Er war überhaupt nicht überheblich, eher ein schüchterner Kerl. Und weil der Veranstalter nicht mal für ein Mittagessen gesorgt hatte, sind wir dann zum Hermannplatz gegangen. Jimi wollte unbedingt ne Currywurst essen. Da hatte er irgendwie von gehört. Und die musste ich dann bezahlen, weil er nicht mal deutsches Geld dabei hatte.«

Zu jener Zeit wohnte Bass-Rainer mit dem Schlagzeuger Schlangemüller, der eigentlich Peter Müller hieß, und dem Gitarristen Gerry Cowtan, sowie mit wechselnder Damenbesetzung in einer Wohnung in der Graefestraße. Die Formation nannte sich »Zun«, und es war die letzte Formation, in der Bass-Rainer spielte. Die Episode endete damit, dass sie Gerry verprügeln mussten, da er weder die Miete noch seinen Anteil an der Anlage bezahlte, die immerhin schon auf zwei stattliche Marshall-Türme und einen ordentlichen Verstärker angewachsen und einiges wert gewesen war. Als 1972 auch noch der Manager, der eigentlich lieber als Sänger mit ihnen auf der Bühne gestanden hätte, über Nacht mit der kompletten Ausrüstung verschwand, hatte Bass-Rainer keine Lust mehr und hängte den Elektro-Bass an den Nagel.

Der Elektrik allerdings ist er treu geblieben. Aus Bass-Rainer wurde Elektro-Schallert. Nach einer erfolgreichen Karriere als Fehlerprüfer bei Telefunken und legendärer Verkäufer von Rechenmaschinen eröffnete er irgendwann selbst einen Laden mit Elektrogeräten in einem der ruhigsten Viertel dieser Stadt: in Charlottenburg. Dort sitzt er noch heute zwischen Waschmaschinen und Kühlschränken, an seiner Seite Ullrich Duffing, ein Schulfreund von der Berufsschule am Hermannplatz. »Der Ullrich stand immer unten, wenn wir spielten, und dann schnappte er uns die Mädchen vor der Nase weg. Während wir oben standen und arbeiten mussten!«

Duffing steht heute noch manchmal da unten, wenn Bass-Rainer zum Beispiel mit den »Berlin Beat Allstars« im Kreuzberger Festsaal auftritt. Doch meistens sitzen sie jetzt Leuten gegenüber, die wissen nicht einmal mehr, wer Jimi Hendrix war. Erst recht nicht, wo die Neue Welt ist, und wer die Beat Cats waren. Die Menschen, die jetzt zu ihnen kommen, brauchen dringend einen Geschirrspüler, »gleich morgen früh, der alte ist vorhin ausgefallen.« Schallert sagt, er könne das Gerät frühestens am Mittwoch liefern. Der Kunde ist der Verzweiflung nahe. Er habe einen großen Haushalt, eine Frau und zwei Kinder. Schallert reicht ihm zum Trost ein Geschirrspültuch. Und wirft einen kurzen, wehmütigen Blick in das Hinterzimmer seines Elektrogeschäftes, in dem, ganz hinten in der Ecke, noch immer ein großer Kontrabass steht, und ein paar ziemlich große Lautsprecherboxen. Natürlich Marke Marshall. •


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